Vorstellungen
Filmkritik
Wem obliegt in Deutschland eigentlich die Pflicht, den Staat zu schützen? Sind es die Staatsdiener allein, ist es die Gesellschaft per se oder wird das Land mittlerweile im Namen einer dubiosen Ideologie von selbsternannten Staatsschützern unterwandert? Die junge Seyo Kim (Chen Emilie Yan) verfügt offiziell über die Befugnis, den Staat zu vertreten. Wenn sie im Gerichtssaal verhandelt, agiert sie rational – ganz im Sinne des Gesetzes. Für die Staatsanwältin gilt: Was Aussicht auf eine juristische Auflösung hat, kommt vor Gericht. 80 Prozent der Fälle werden jedoch eingestellt, bevor sie öffentlich verhandelt werden können. So hat sie es von ihrem Vorgesetzten Forch (Arnd Klawitter) gelernt, so setzt sie es um.
Seyo ist frisch ernannt und hat ihre nagelneue Wohnung in einer deutschen Kleinstadt namens Neuwerda noch nicht eingerichtet. Aber sie möchte hoch hinaus. Womit sie nicht gerechnet hat: Eines Tages wird sie Opfer eines rassistischen Anschlags. Ein Vermummter fährt sie im Park um, sodass sie von ihrem Rad stürzt. Währenddessen bewirft sie eine andere Person von einer Brücke aus mit einem Molotowcocktail. Sie kommt mit leichten Brandwunden und dem Schrecken davon. Geistesgegenwärtig verständigt sie die Spurensicherung und veranlasst alles, damit der Überfall, der auch viel schlimmer hätte enden können, untersucht wird.
Angriff ist die beste Verteidigung
Nun hat sie in „Staatsschutz“ mit einem persönlichen Trauma zu kämpfen, legt ihre Rationalität vorerst ad acta. Diese hatte sie kurz vorher vor Gericht bewiesen, als sie den Fall gegen einen stadtbekannten Neonazi, der beschuldigt wurde, einen schwarzen Mann in den Hinterkopf geschossen zu haben, eingestellt hatte. Doch für die junge Juristin gilt: Angriff ist die beste Verteidigung. Eigentlich darf sie nicht in eigener Sache ermitteln, tut es aber, da die Erkenntnisse auf sich warten lassen. Durch eine befreundete Kollegin erhält sie Einsicht in ihre Akte und erforscht bald das rechte Milieu vor Ort. Sie findet einen Verdächtigen und deckt weitverzweigte Verbindungen auf. Zu ihrem Entsetzen weisen Vertreter der örtlichen Polizei, aber auch Juristen, Verstrickungen in die Szene auf.
Offenbar wurde in den letzten Jahren vieles vertuscht, was rechte Akteure in Bedrängnis gebracht hätte. Seyos Aktionen werden immer waghalsiger. Sie bringt sich in Gefahr, was ihre On-Off-Beziehung zu ihrer Partnerin Min-Su belastet. Doch auch ihr eigener Fall, in dem sie sich von ihrer ehemaligen Kontrahentin, der Rechtsanwältin Tiedemann (Julia Jentsch), vertreten lässt, läuft Gefahr, durch ihre impulsiven Manöver Schaden zu nehmen.
In Faraz Shariats Thriller hat man es mit einer Protagonistin zu tun, die kein Opfer sein will. Sie geht der Gefahr nicht aus dem Weg, ist Draufgängerin, aber auch Rechtsgelehrte. Bald spürt sie am eigenen Leibe, dass Neutralität nicht immer einzuhalten ist und verlangt Gerechtigkeit. Doch lässt sich diese allein mit Recht umsetzen? Wie schwer das ist, bemerkt sie, als sie in einen menschlichen und juristischen Sumpf gerät, der ihre Gewissheiten ins Wanken bringt. Denn was auf dem Papier plausibel klingt, deckt sich nicht immer mit dem, was auf der Straße passiert.
Eine harte Schule, die ihr die Augen öffnet
So geht die koreanischstämmige Heldin – oft hat man solch eine Figur noch nicht im deutschen Kino gesehen – durch eine harte Schule, die ihr die Augen öffnet. Zum einen merkt sie, dass ihre Stellung sie nicht schützt. Denn eine gewisse Klientel sieht in ihr die Fremde, trotz ihrer Geburt und Sozialisierung in Deutschland. Der Film durchleuchtet so auch ein fremdenfeindliches und rassistisches Milieu, dessen Mitglieder entweder harmlos wirken oder aber sich stolz zu ihrer völkischen Ideologie bekennen. Dabei entwirft der Film bedrohliche Szenarien und denkt über das Bröckeln von Institutionen nach, die unsere offene Gesellschaft eigentlich schützen sollten.
Ob der Film die Wirklichkeit widerspiegelt oder ein pessimistisches Zukunftsszenario entwirft, sei dahingestellt. Jedenfalls zeigt er, wie fragil die Demokratie sein kann, wenn auf ihre Hüter kein Verlass mehr ist. Auch hinterfragt er das Berufsethos seiner Heldin. Sie bricht so viele Regeln und schadet dabei auch Personen in ihrem Umfeld, dass man sie schon als fahrlässig bezeichnen kann. So schlägt „Staatsschutz“ zuweilen dramaturgisch über die Stränge und wirkt dabei nicht immer plausibel. Das ist schade, da der Film glaubhafte Nebenfiguren entwirft und reichlich Spannung aufbaut. Verfolgungsjagden, eine gruselige Nacht in einem Provinzgefängnis und die Ungewissheit, wer nun für und wer gegen Seyo ist, lassen nie Langeweile aufkommen.
Die Demokratie nicht als gegeben ansehen
Auch schauspielerisch hat der Film einiges zu bieten. Chen Emilie Yan überzeugt als zuweilen übermotivierte Seyo zwischen privaten und beruflichen Sorgen, während Arnd Klawitter mit Bravour einen undurchsichtigen Juristen gibt. Weniger auffällig, aber wie immer mit zuverlässigem Charisma glänzt Julia Jentsch als sachliches Gegengewicht zu der tollkühnen Heldin. Auf jeden Fall lanciert der Film einen Appell an das Publikum, die Demokratie nicht als gegeben anzusehen und sich selbst zu fragen, zu welchem „Staatsschutz“ man persönlich beitragen kann.

