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Strange River

106 minDramaFSK 12
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Sommerferien am Donauufer, eine katalanische Familie radelt den Fluss entlang. Während seine Eltern in Erinnerungen an ihre Jugend schwelgen und seine jüngeren Brüder seine Nähe suchen, ist der sechzehnjährige Dídac lieber allein und still. Sein Herz schmerzt einer verflossenen, unerwiderten Liebe nach – warum viel reden, wenn einen ohnehin niemand versteht? Doch plötzlich beginnt er an jedem Stopp der Reise denselben, rätselhaften Jungen zu sehen, im Wasser und an Land, in der Ferne und ganz nah. Und jedes Mal zieht es Dídac ein bisschen mehr in den Bann des Fremden hinein.
Im Stil romantischer Gemälde des 19. Jahrhunderts interpretiert Jaume Claret Muxart die Donau als erhabene Trägerin uralter Mysterien, lyrisch und traumgleich auf 16-mm gebannt. Am Ende dieses Sommers wird Dídac ein anderer sein, das Familiengefüge neu zusammengelegt. Es gilt, in das Begehren einzutauchen, die Ängste abzuwaschen. „Strange River“ ist ein Film, der fließt – zwischen den Erlebnissen seiner Figuren, zwischen Mensch und Natur und dem Übernatürlichen. Ein sinnlich-verführerischer Beitrag für den Kanon queerer Coming-of-Age-Geschichten, poetisch und selbstbewusst, voller Sehnsucht und Geheimnisse.

Ein Radweg zwischen Feldern und Bäumen. Fahrräder jagen aneinander vorbei. Die Kamera fliegt mit ihnen im flirrenden Zwielicht, das durch die vorbeirauschenden Zweige fällt. Der spanische Filmemacher Jaume Claret Muxart springt mitten hinein in den Urlaub einer fünfköpfigen katalanischen Familie. Der 16-jährige Dídac (Jan Monter Palau) ist der älteste von drei Brüdern. Seine Mutter Mònica (Nausicaa Bonnín) reist bei der Fahrradtour an der Donau ihrer eigenen Vergangenheit hinterher. In Dídacs Alter war sie hier schon einmal unterwegs und begegnete ihrer ersten Liebe. Eine kurze, mysteriöse Begegnung, von der sie spät am Abend ihrem Sohn erzählt. Nach einer längeren, familienbedingten Auszeit versucht sie als Schauspielerin wieder Fuß zu fassen und bereitet sich auf eine Rolle in einer Inszenierung von Friedrich Hölderlins „Der Tod des Empedokles“ vor. Dídacs Vater Albert (Jordi Oriol) interessiert sich vor allem für die Architektur entlang des Flusslaufs und schleppt die wenig begeisterte Familie zur Hochschule für Gestaltung nach Ulm oder in die oberösterreichische Gartenstadt Puchenau; bisweilen hält er auch Vorträge über Max Bill und Roland Rainer.

Nicht-Mehr und Noch-Nicht

Dídac lässt das alles über sich ergehen, meist schlecht gelaunt. Er macht dennoch mit, ist aber nicht mehr mit dem Herzen dabei und will doch nicht glauben, was seine Mutter schon ahnt, dass es vielleicht ihr letzter gemeinsamer Urlaub sein könnte. Die Donau, der seltsame Fluss, wird zur Metapher für das Spannungsfeld zwischen dem Nicht-Mehr und dem Noch-Nicht, durch das Dídac ebenso wehmütig, schwermütig wie sehnsüchtig mäandriert.

Es ist erstaunlich, wie zeitlos sinnbildlich die 16mm-Impressionen von Kameramann Pablo Paloma die Landschaft wirken lassen: eine gemäldeschön in Szene gesetzte, meist menschenleere Traumlandschaft. Die Reise verdichtet sich zum fließenden Zustand, den eine dürre Dramaturgie flankiert. Die Erinnerung an einen Jungen namens Gerard, den er vor den Ferien geküsst hat, bereitet Dídac Liebeskummer. Ein Coming-Out aber wird nicht daraus. Dídacs Eltern wissen längst Bescheid. Doch der Junge will sich und seine Gefühle nicht labeln oder verallgemeinern lassen; er muss sie selbst entdecken. Es gebe noch viele andere nette Jungs, tröstet ihn sein Vater verständnisvoll, doch Dídac weist das gereizt zurück. Die alte Generation kapiere es wohl nie: „Ich steh nicht auf Jungs, ich mag Gerard!“

„Strange River“ erzählt nicht von Dídacs Coming-of-Age, sondern friert es ein: in geheimnisvoll bewegte Bilder. Jaume Clarte Muxart und Pablo Paloma entwickeln eine somnambule Filmarchitektur mit sorgsam durchdachten Tableaus. Eine ausdrucksstark entschleunigte Hommage auf die Berliner Schule und Angela Schanelecs „Mein langsames Leben“. In Puchenau begegnet Mònica zufällig einer Schauspielkollegin, die sie aus dem Film „Langsam leben“ kennt. Ein kleines Referenzhäppchen für die Cineasten.

Der Film taucht tief in die titelgebende Metaphorik und die schönen, deutungsoffenen Seelenbilder ein. Aber es ist eine klare, berechnende Schönheit, eine kalte, geometrische Sinnlichkeit, nachvollziehbar für den Verstand, aber nichts, das mitreißt, überwältigt. Auch das romantische Zwischenreich, in das Dídac scheinbar unaufhaltsam hineingezogen wird, nachdem er von der rätselhaften Jugendliebe seiner Mutter gehört hat, gerät oberflächlich museal: eine Ausstellungshalle für halbnackte Heranwachsende.

Spiel mit dem Doppelgänger-Motiv

Das Spiel mit dem Doppelgänger-Motiv beginnt, während Dídac in der Donau badet und im trüben Wasser einen nackten Jüngling erspäht. Auf einem Campingplatz taucht die Gestalt wieder auf und verschwindet. In den leeren Hallen der Ulmer Hochschule für Gestaltung begegnet er ihm wieder, läuft ihm nach, schüttelt seinen kleinen Bruder dabei ab. Irgendwann sitzen die beiden schweigend nebeneinander, schauen so lange aneinander vorbei, bis es nicht mehr geht und sie sich endlich küssen. Schließlich machen sie sich gemeinsam davon, auf einem kleinen Boot. Sie verstehen einander ohne Worte. Es genügt, zu schauen und zu lächeln. „Wie heißt du?“, fragt Dídac irgendwann dann doch. „Für dich bin ich Alexander“, lautet die kryptisch vielsagende Antwort.

Mit Dídac verliert sich letztlich auch der Film im fantastischen Wabern romantischer Gegenwelten. Das ist poetisch inszeniert, anmutig gespielt, wie überhaupt das kleine Ensemble glaubhaft und stimmig wirkt, aber ergreifend wird es vor allem dann, wenn Dídacs zwei Jahre jüngerer Bruder Biel (Bernat Solé Palau) ins Spiel kommt. Der klammert sich an Dídac, will ihn nicht verlieren, verfolgt ihn und beobachtet ihn argwöhnisch. Mehrfach ertappt er ihn scheinbar zusammen mit dem mysteriösen Fremden. Dídac will weg von Biel und trotzdem bei ihm bleiben. In seinen kraftvollsten Momenten lässt einen der Film erahnen, wie es ihn dabei innerlich beinahe zerreißt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deStrange RiverVon: Stefan Volk (4.8.2026)
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