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Filmkritik
Nach dem Western kamen der Spätwestern, der Post-Western und Meta-Western und irgendwo dazwischen erreichte ein queerer Western sogar ein Massenpublikum. Was fürs Kino gelten mag, so zeigt „The Cowboy“, ist für die US-amerikanische Realität alles andere als zutreffend. Nicht auf der kleinen Ranch in Olney Springs, Colorado, wo der elfjährige Crowley McCuistion im Jahre 2015 von einem Leben als Cowboy träumt und das ohne „post“ und „meta“. Aber was ist überhaupt ein Cowboy? Ein Mann, der im Umgang mit Pferd und Lasso geschickt ist, der nicht groß herumheult, wenn es schwierig wird, und weitermacht, so Crowley. Der mitten im Nirgendwo lebt, mit viel Land um einen herum. Ein Mann, der frei ist. Die Zeit scheint zurückgedreht worden zu sein in Olney Springs. Auch wenn in den Klassenzimmern (noch) ein Foto des damaligen Präsidenten Barack Obama hängt.
Die Aura des Westerns wird zelebriert
Von Frühjahr 2015 bis Sommer 2024 hat André Hörmann Crowley und seine Familie begleitet, neben „The Cowboy“ entstand außerdem der fünfzehnminütige Kurzfilm „Crowley – Cowboy Up“ (2018). Die Methode ist eine Mischung aus beobachtendem Dokumentarfilm und klassischen, auf markante Aussagen verknappten Interviews mit den Familienmitgliedern. Die Aura des Westerns wird nicht nur von den in prekären Verhältnissen lebenden McCuistions zelebriert, sondern dem Film gleichsam wie ein Emblem aufgedrückt: Ameisen krabbeln über den Präriesand, dazu verzerrte Gitarren-Riffs, Titel und Texteinblendungen in serifenbetonter Western-Schrift. Die Absicht wird schnell klar. Hörmann geht es um die Dekonstruktion eines Mythos.
Mit drei Monaten saß Crowley zum ersten Mal auf einem Pferd, wie seine Mutter stolz erzählt, der Vater und der ältere Bruder Yancie, sein großes Vorbild, lehren ihm das Cowboy-Handwerk. Crowley, ein eher schmaler Junge mit feinen Gesichtszügen, spricht in Floskeln, die Prinzipien von Freiheit und unbeugsamer Männlichkeit hat er fest verinnerlicht. Nicht schlimm sei es etwa, wenn mal der Strom abgestellt wird, was wegen nicht bezahlter Rechnungen gelegentlich passiert, es gäbe ja Taschenlampen. „Würde mein Zimmer abbrennen, dann würde ich halt im Zelt schlafen.“ Ziemlich altklug klingt er, wenn er davon spricht, was er täglich Tolles lerne: zum Beispiel, wie man seiner Ehefrau den Truck repariert.
Das Bild einer intakten Familie zerbricht
Der Film konstruiert zunächst das Bild einer intakten Familie, ein Ort des Zusammenhalts und der Fürsorge. Crowleys Vater wird beim Zwiebelschneiden in der Küche eingeführt, bevor er sich als Befürworter der körperlichen Züchtigung zu erkennen gibt und das Bild beschädigt: „Schlägt man ein Kind, ohne dass es umfällt, zählt es nicht.“
Einige Jahre später, ausgelöst durch den tödlichen Unfall Yancies, ist die Familie McCuistion zerbrochen. Der Vater, den der Sohn jetzt mit „Sir“ anredet, wird als prügelnder Alkoholiker geoutet, der, wie seine von ihm inzwischen getrennte Frau erzählt, nie ein netter Mann gewesen sei. Wieder zwei Jahre später hat Crowley sein Zuhause hinter sich gelassen, zehn Stunden von seinem Elternhaus entfernt lebt er in Oklahoma in einem Wohnwagen. Halt findet er in der Beziehung mit seiner Freundin und der älteren Schwester, einer Bibel-App und der täglichen Arbeit. Den Traum vom Cowboy versucht er eine Zeit lang noch gegen die Wirklichkeit zu verteidigen. Tatsächlich bestreitet er seine Existenz aber längst mit Reparaturarbeiten und als Schweißer für die Gasversorgung.
Der Blick gilt dem individuellen Schicksal
Nur am Rande streift „The Cowboy“ die politischen Verhältnisse: im Radio wird gegen die Biden-Regierung Stimmung gemacht, die Frauenbibelgruppe, die Crowleys Mutter besucht, verteidigt das Waffenrecht, am Wahltag zeigt sich der Vater wenig überraschend als Trump-Wähler. Crowleys politische Haltung wird nicht thematisiert und wirft daher umso mehr Fragen auf. So richtig interessiert sich der Film aber auch gar nicht für eine gesellschaftliche Perspektive, die etwa die Gewalt des Vaters als systemische verstehbar macht und mit dem politischen Autoritarismus in Verbindung bringt. Hörmanns Blick gilt dem individuellen Schicksal, der Trauer über den Verlust, die die Familie noch immer fest im Griff hat, Crowleys Träumen, die einer immer pragmatischeren Weltsicht weichen. Wirklich nah kommt man ihm nicht.






