Vorstellungen
Filmkritik
Minderwertigkeitsgefühle und Lebensängste kommen zum Ausbruch, als ein alterndes Akademiker-Ehepaar seine jüngeren Nachbarn für einen nächtlichen Drink empfängt. Der eigentlich als zwanglos geplanter After-Party-Treff entwickelt sich in dem Debütfilm „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (1965) von Mike Nichols rasch zum Schmierentheater. Auch in „The Invite“, der sich bei der Bühnenadaption von Nichols bedient, treffen zwei benachbarte Paare aufeinander. Wenngleich der Altersunterschied zwischen ihnen nicht ganz so immens ist, klaffen ihre Lebensrealitäten weit auseinander.
Als Joe (Seth Rogen), ein Dozent am Konservatorium, nach der Heimfahrt mit dem Klappfahrrad außer Atem und von Rückenschmerzen geplagt in den Wohnungseingang fällt, wird er von Angela (Olivia Wilde) nicht einmal mehr begrüßt. Das Paar befindet sich offensichtlich in einer Beziehungskrise. Zusammengehalten werden sie höchstens noch von der gemeinsamen Tochter, die gerade außer Haus ist. Dass das Ehepaar keinen Sex mehr miteinander hat, erahnt man schon an den monotonen Gewohnheiten, die bisweilen in erhitzte Wortgefechte münden.
Ein gabenreiches Dinner
Das passiert auch an diesem Abend. Als Joe bemerkt, wie Angela den Esstisch mit reichlich Antipasti, teurem Käse und spanischem Schinken deckt, und er nichts davon naschen darf, bis die Gäste erschienen sind, regt er sich fürchterlich auf. Joe, der für einen Sommer lang mal ein erfolgreicher Rockstar war, würde sich am liebsten mit einem Joint in seinen Musik- und Hobbyraum verkriechen. Von dem geplanten Dinner hat er angeblich gar nichts gewusst. Angela erwidert: Doch, das wusstest du! – Nein! – Doch! Der sich daran entzündende Streit wird von einem penetranten Cello begleitet, das den Schlagabtausch orchestriert und das Spannungsverhältnis zwischen beiden untermauert.
Als das Nachbarspaar, die spanische Psychotherapeutin Piña (Penélope Cruz) und der ehemalige Feuerwehrmann und jetzige Masseur Hawk (Edward Norton), schließlich über die Schwelle tritt, landet Angelas über dem Disput verbranntes Soufflé klammheimlich im Mülleimer. Der Schein muss schließlich gewahrt werden. Doch Piña und Hawk standen schon eine Weile vor der Haustür und konnten alles mitangehören.
Das dicht gedrängte Drama von Olivia Wilde basiert auf dem spanischen Film „Sentimental“ aus dem Jahr 2020, das mit „Die Nachbarn von oben“ (2022) auch schon eine Schweizer Neuverfilmung bekam. „The Invite“ fühlt sich nun wie ein europäisches Bourgeoisie-Kammerspiel im orchestrierten Hollywood-Gewand an, bei dem die Charaktere vor allem als Projektion dienen.
Erotische Vorlieben & Tabubrüche
Angela und Joe sind zwar kein konservatives, aber doch eher prüdes Paar, und stehen sich durch ihren langweiligen Alltag nicht mehr nahe. Hawk hingegen erlebt mit Pina seinen zweiten Frühling. Die beiden sind frisch liiert, und das leben sie auch aus. Schon ihre Wortwahl und ihre Lebenseinstellungen lassen darauf schließen, dass sie spirituell angehaucht, aber auch sexuellen Abenteuern nicht abgeneigt sind. Joe kommen Themen wie erotische Vorlieben und vermeintliche Tabubrüche durchaus gelegen, da er sich eigentlich über die nicht zu überhörenden nächtlichen Liebesspiele der Nachbarn beschweren wollte.
Olivia Wilde bemüht sich mit einer dynamischen Inszenierung und streng getakteten Bildkompositionen, die Fassaden dieser Paare aufzudecken. Sukzessive entfaltet sich die Hybris aller Figuren; niemand wirkt wirklich sympathisch. Selbstanklage, Unsicherheiten und versteckte Bedürfnisse kommen zur Sprache. Besonders Joe flüchtet sich als unsicherer Spießer, der keinen Zugang zu seinen Emotionen zu haben scheint, in einen ehrlichen, sehr trockenen Humor und steht damit den lebensbejahenden, aber auch recht didaktischen Weisheiten von Piña und Hawk diametral gegenüber. Angela hingegen versucht auf hektische Art alles zu überspielen, und möchte bei den Nachbarn sichtbar gut ankommen. So hat sie extra einen neuen Perserteppich besorgt, damit darüber gefachsimpelt werden kann, und authentische Speisen, um sich als kultiviert auszugeben.
Von wegen progressives Beziehungsdrama
Die umtriebigen, auf Pointen ausgerichteten Dialoggefechte sind gekonnt inszeniert. Die Kamera gleitet durch das stilvoll eingerichtete Apartment, nutzt jede Ecke und jeden Winkel, um die gegensätzlichen Paare auch visuell zueinander in Kontrast zu setzen. Obwohl das Ensemble gut aufeinander abgestimmt ist und ihre mal mehr, mal weniger maßgeschneiderten Dialoge chaotisch, voller Fremdscham und gleichzeitig getaktet vorgetragen werden, hört man das schematische Drehbuch von Will McCormack und Rashida Jones dennoch heraus. Nur selten gibt es Atempausen; Ruhe kehrt erst ein, als sich die Konstellationen in verschiedene Räume separieren.
Da die Figuren eher als Projektionsflächen dienen, passt der Ansatz einer gesprächigen Beziehungsposse durchaus. Doch „The Invite“ traut sich zu wenig und bleibt im Kern erstaunlich konservativ. Der Film zielt weder auf die größtmögliche Eskalation, noch hinterfragt er grundlegende Beziehungsdynamiken, sondern mündet in enttäuschende Rührseligkeit. Tonal bewegt sich das Geschehen zwischen satirischer Kritik am Bildungsbürgertum und vermeintlich progressivem Beziehungsdrama.









