The Social Reckoning










- Veröffentlichung08.10.2026
- RegieAaron Sorkin
- ProduktionVereinigte Staaten (2026)
Cast
Vorstellungen
Filmkritik
In „The Social Network“ (2010) skizzierten Regisseur David Fincher und Drehbuchautor Aaron Sorkin den kometenhaften Aufstieg Facebooks in den frühen 2000er-Jahren. Sie thematisierten soziale Entfremdung und die damit einhergehenden zwischenmenschlichen Abgründe. Mark Zuckerberg, damals gespielt von Jesse Eisenberg, wurde als fragwürdiger Sonderling dargestellt, dessen erste Geschäftserfolge darin bestehen, Ideen zu stehlen und seine besten Freunde zu übervorteilen. All das nur, um in der finalen Szene einsam vor seinem Laptop zu sitzen und monoton auf den „Refresh“-Button seines Browsers zu klicken, in der vagen Hoffnung auf ein Minimum an Zuneigung.
Knapp 15 Jahre später fühlt sich das digitale Leben anders an. Melancholie ist der Wut gewichen und die Menschen suchen keine virtuellen Freunde mehr, sondern reale Feinde. Schon in der ersten Szene von „The Social Reckoning“ kommt es zu einer rassistischen Auseinandersetzung mit der Polizei, die sogleich auf Smartphones festgehalten und gepostet wird. Von dort steuern die Ereignisse unbeirrt auf den Kapitol-Sturm im Januar 2021 zu.
Ein neuer Zuckerberg
Die Programmiererin Frances Haugen (Mikey Madison) arbeitet bei Facebook für das Civic-Integrity-Team und kümmert sich darum, Falschinformationen von der Plattform fernzuhalten. Dabei fallen ihr immer mehr Unstimmigkeiten auf. Als die idealistische Angestellte, die an eine positive Firmenphilosophie glaubt, immer öfter Gewissensbisse plagen, kontaktiert sie den Investigativjournalisten Jeff Horwitz (Jeremy Allen White). Gemeinsam beginnen sie mit der Arbeit an einer Serie von Enthüllungsartikeln über Facebook. Der Aufhänger für diese Storys sind Änderungen, die der CEO Mark Zuckerberg im Algorithmus seiner sozialen Netzwerke vornehmen ließ, um die Interaktionen zu erhöhen. Dabei nimmt er billigend in Kauf, dass immer mehr Nutzer in radikale Gruppen getrieben werden und Teenager durch Mobbing und Bodyshaming psychologische Schäden davontragen. All das ist ungefähr so geschehen und gipfelt in einer Anhörung vor dem US-Senat, die 2021 live mitzuerleben war.
Mark Zuckerberg, diesmal von Jeremy Strong verkörpert, ist zwar der Auslöser dieser Kettenreaktion, jedoch nicht die Hauptfigur der Geschichte. Während er in „The Social Network“ noch das Potenzial hatte, ein anständiger Mensch zu werden, hat er sich mittlerweile zu einem lupenreinen Antagonisten entwickelt. Strong liefert eine überzeugende Imitation ab, hat jedoch im Gegensatz zu Eisenberg weniger Freiheiten, seiner Figur Tiefe zu verleihen. Um eine größere psychologische Zugänglichkeit des Films müssten sich Mikey Madison als Frances Haugen und Jeremy Allen White als Jeff Horwitz kümmern, die allerdings auffällig häufig damit beschäftigt sind, Informationen statt Emotionen zu vermitteln. Die Charaktere im Film verfügen nur über exakt so viele Dimensionen, wie es braucht, um professionelle Konversationen zu führen, und über so viel emotionalen Konflikt, um die Geschichte am Laufen zu halten.
Facebook ohne Fincher
Man merkt deutlich, dass Aaron Sorkin bei dieser Fortsetzung nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch die Regie übernommen hat. Er schätzt ausführliche Gesprächsszenen, in denen die Unterhaltungen schnell und pointiert sind und alle paar Sätze ein humorvoller Seitenhieb die seriösen Themen durchbricht. Meistens sorgen seine temporeichen Dialoge für anregende Kurzweiligkeit, doch Sorkin merkt nicht immer, wann ein geeigneter Endpunkt erreicht wäre.
„The Social Reckoning“ wirkt häufig wie eine Aneinanderreihung von gelungenen Szenen, denen ein gemeinsamer Kern fehlt. Alles hat eine unmittelbare Dringlichkeit. Die Figuren sind bemüht, klarzumachen, wie viel auf dem Spiel steht. Aber sobald man versucht, auszubuchstabieren, worum eigentlich gekämpft wird, fängt es an, schwammig zu werden. Natürlich geht es darum, die Wahrheit an die Öffentlichkeit zu bringen und den Einfluss der Mächtigen zu schmälern. Doch das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Der Film springt zwar durch die Jahre und behilft sich mit Kapitelüberschriften, damit man im jeweiligen Moment bleibt, statt ans Endergebnis zu denken, doch das kann kaum davon ablenken, dass fünf Jahre später die Öffentlichkeit nur geringfügig an der Wahrheit interessiert ist, während Mark Zuckerberg einflussreicher denn je agiert.
Ein zynischerer Filmemacher wie Adam McKay hätte aus diesem Stoff eine bittere Endnote kreiert. Bei McKay gehen noch die skrupellosesten Kapitalisten als strahlende Sieger hervor, während der Rest der Menschheit untergeht. Sorkin dagegen ist zu versöhnlich. In den letzten Minuten lässt er Chöre erklingen und dreht den Pathosregler auf, um den Film doch noch auf eine persönliche Ebene zu heben. Mit geradezu romantischem Idealismus möchte er klarmachen, dass es wichtig ist, wenn einzelne Menschen das Richtige tun – selbst wenn weitreichende Konsequenzen ausbleiben. Dieser beinahe naive Optimismus unterscheidet Sorkin mehr als alles andere von Filmemachern wie David Fincher oder Adam McKay. Deshalb ist er wohl nicht die ideale Wahl für die Inszenierung eines solchen Stoffs.
Es ist einem Filmemacher natürlich freigestellt, einen Film wie „The Social Reckoning“ als optimistisches Werk anzulegen, aber es fühlt sich seltsam an. Insbesondere da die Krisen, deren Ursprünge nachvollzogen werden, sich in den letzten fünf Jahren intensiviert haben: Die Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft ist tiefer denn je, extreme Standpunkte werden immer salonfähiger, und natürlich gibt es wöchentlich die nächste Schlagzeile, wie die vom Turbo-Kapitalismus getriebene KI-Revolution die Menschheit auslöschen könnte. Während es „The Social Network“ schaffte, eine kleine Geschichte groß zu inszenieren, schafft es „The Social Reckoning“ nicht, die gigantischen Ausmaße seines zentralen Skandals zu vermitteln. Nicht zuletzt, weil die Realität bereits in der nächsten Eskalationsphase angekommen ist.
Viel Zunder ohne Streichholz
Was Sorkin auf die Leinwand bringt, ist zwar unterhaltsam und gut gespielt, doch um seinen Themen gerecht zu werden, müsste „The Social Reckoning“ häufiger wehtun. Die Stimmung des Films suggeriert, dass seine drastischen Enthüllungen das Publikum in den Grundfesten erschüttern müssten, doch das gelingt nur in wenigen Szenen. Es ist löblich, der Arbeit von Frances Haugen und Jeff Horwitz ein Denkmal zu setzen, aber die Story über Menschen, die alles riskieren, geht selbst oft auf Nummer sicher. Frances Haugen verwendet im Film immer wieder die Metapher, dass die Machenschaften von Facebook ein Spiel mit Streichholz und Benzin seien. Eine ähnliche Sprengkraft hätte „The Social Reckoning“ gutgetan.
Im Endeffekt richtet sich „The Social Reckoning“ an jene Zielgruppe, die alle Vorwürfe bereits kennt und sich dadurch in ihrer Sichtweise bestärkt fühlt. Der Film wird hauptsächlich in seiner eigenen Bubble reüssieren. Während Elon Musk und Sam Altman aktuell versuchen, den Kinostart des Dokumentarfilms „Musk“ und des Biopics „Artifical“ zu verhindern, wird Mark Zuckerberg „The Social Reckoning“ wahrscheinlich einfach stillschweigend ignorieren. Nicht, weil er sonderlich gut darin wegkommt. Sondern weil der Film zu wenig Neues erzählt und kaum zu wütenden Protesten Anlass gibt.

