Vorstellungen
Filmkritik
Marjane Satrapis Antiheld ist von der Sorte Jungs, die man prima für unangenehme Jobs einspannen kann. Weil sie so fürchterlich nett sind, kommt ihnen kein Nein über die Lippen. Daher steht Jerry auch sofort „Gewehr bei Fuß“, als er eine Betriebsparty mit organisieren soll. Der ewig freudestrahlende junge Mann will eben gefallen und lässt nie ein Unlustgefühl zu. Nach der Teambesprechung putzt er sogar noch die kalten, angetrockneten Pizzareste weg. Das gierige Verschlingen des Essens muss man als Hinweis auf dunklere Triebschichten des Protagonisten lesen, als eine orale Störung. Der Film entlarvt den netten Jungen von nebenan als Psychopathen. Zwar wird er vorab gleich in eine Therapie gesteckt. Doch statt den drohenden Realitätsverlust mit Hilfe seiner Therapeutin abzuwehren, verweigert er die Einnahme seiner Medikamente und spinnt sich immer fester in den Kokon des mütterlich induzierten Wahns ein. Lieber spricht er zuhause mit Hund und Katze, da er mit ihnen weitaus aufgeschlossener über die Moral seines Handelns debattieren kann. Es scheint, als hätte sich Satrapi mit diesem Ausflug ins Horrorgenre von angestammten Bildkonventionen des Schreckens und der seelischen Erschütterung befreien wollen, wie sie im öffentlichen Bildergedächtnis aktuell etwa durch den islamistischen Terror höchst präsent gehalten werden. Satrapi distanziert sich von dem traumatisierenden Moment solcher Gewaltakte, indem sie die wahnverzerrte Perspektive ihres kranken Helden einnimmt und diese nur selten durch die realistische Sicht seiner Umgebung aufstören lässt. Die Regisseurin inszeniert Jerrys Perspektive augenzwinkernd und anspielungsreich, überzeichnet sie aber auch grotesk mittels Handlungsführung und Licht- und Farbdramaturgie. Wenn sich dann die Hauptfigur immer mehr im System ihrer Realitätsverleugnung verfängt, scheint ihr die eigene Lebenswelt lichtdurchströmter und glanzvoller zu werden. Sie erstrahlt wie ein Märchen, und im ewigen Widerstreit von Hund und Katze wie ein Comic mit poppigen Tupfern aus feinstem Zuckerguss. So prangt beispielsweise das Corporate Design von Jerrys Arbeitgeber in grellem Babyrosa; zuhause nimmt Jerrys Tag einen perfekten Auftakt in der sonnendurchfluteten Küche. Wie das glückliche Kind einer Werbefamilie löffelt Jerry die Cornflakes auf. Sein Gewissen ist rein, kann er sich doch mit den Köpfen seiner Opfer, die er im Kühlschrank aufbewahrt, bestens unterhalten und amüsieren. Die agieren äußerst lebendig und wirken trotzdem seltsam bizarr und irritierend, weil eine rote Linie die vollzogene Trennung des Rumpfes vom Leib sichtbar markiert. Es ist genau dieser komisch-grausige Kontrast, mit dem der Film den Zuschauer mit der ganzen Brutalität des Täters und dessen absurden Vorstellungen konfrontiert. Standhaft weigert Jerry sich anzuerkennen, dass er ein Leben ausgelöscht hat, und er glaubt zudem, für seine Taten einmal in den Himmel zu kommen, geradewegs in die offenen Arme seiner Opfer. Indem der Film mit der wenig einfühlsamen Psychiaterin außerdem psychotherapeutische Verfahren und den Glauben karikiert, psychische Störungen aufklären und bannen zu können (wie es noch bei Hitchcock in „Psycho“ der Fall war), gibt es vor diesen Psychopathen eigentlich auch keine Rettung mehr. Dieses ästhetische Statement macht Satrapis Film zur äußerst zwiespältigen Angelegenheit.










