Vorstellungen
Filmkritik
Der clevere Waschbär Falcon hat sich einen Namen gemacht. Als eine Art Gauner mit großem Herzen betätigt er sich in einem Viertel der Stadt Bay City als moderner Robin Hood, indem er seine Haustierfreunde mit Lebensmitteln versorgt, die er auf geschickten Beutezügen klaut. Zu Weihnachten will er mit den Kumpels einen schönen Ausflug mit dem Zug unternehmen, in dessen Restaurant viele Leckereien gestapelt sind. Dafür hat er sich auf einen Deal mit dem Dachs Hans eingelassen, der den Zug aus der Ferne steuern soll. Als Falcons Adoptivvater, der altersweise Täuberich Rico, ihn vor Hans warnt, schlägt er dessen Warnung in den Wind.
Falcon schleicht sich heimlich in den Zug und manipuliert die Elektronik, sodass Hans von seinem Versteck an einem See aus per Fernsteuerung die Kontrolle übernehmen kann. Über Lautsprecher fordert er zudem alle menschlichen Passagiere auf, den Zug zu verlassen. Kaum haben sie das getan, beginnt eine rasende Fahrt. Erst jetzt stellt sich heraus, dass Hans von Rachegedanken getrieben wird: Der eitle Bandenchef und versierte Hacker hat fünf Jahre hinter Gitter gesessen und will sich an dem Polizeihund Rex rächen, der ihn seinerzeit dingfest gemacht hat. Rex fährt nun im Gepäckwagen des Zuges mit. Er und die anderen Haustiere sind in Käfigen, Körben oder einem Aquarium eingesperrt. Nur mit Mühe gelingt es Falcon, die Tiere zu befreien. Doch es bleibt immer noch das Problem, den Zug zum Stehen zu bringen.
Originelle Geschichten mit sympathischen Underdogs
„Tierisch abgefahren - Rettet die Pets!“ ist nach „Die Dschungelhelden – Das große Kinoabenteuer“ (2017), „Die wilden Mäuse“ (2022) und „Die Dschungelhelden auf Weltreise“ (2023) der vierte lange Film des französischen Trickfilmstudios TAT Productions, das David Alaux und die Brüder Éric und Jean-François Tosti 2000 gegründet haben. Seit den ersten Kurzfilmen und Serien setzt das Trio konsequent darauf, statt bekannter Erfolgsmarken originelle Geschichten mit liebenswerten Figuren auf die Leinwände zu bringen. Gerne rücken sie dabei einen sympathischen Underdog in den Fokus. So auch in ihrem jüngsten Opus, bei dem erstmals die langjährigen Studio-Mitarbeiter Benoît Daffis und Jean-Christian Tassy gemeinsam Regie führen.
Mit dem coolen Waschbär Falcon haben die Filmemacher eine sympathische Identifikationsfigur etabliert, die es dem jungen Publikum leicht macht, Empathie zu entwickeln. Hinter seinem selbstbewussten, ja stellenweise angeberischen Auftreten verbirgt sich ein adoptierter Außenseiter mit Defiziten und Schwächen. Um sich wichtig zu machen, hat er sich zum Beispiel eine Story ausgedacht, die erklären soll, warum sein rechtes Ohr verstümmelt ist. In Wahrheit hat er sich bei einem selbstverschuldeten Unfall verletzt.
Als wichtigste Unterstützerin erweist sich ausgerechnet die zierliche Ozelotkatze Maggie. Sie behält als einzige in der Ausnahmesituation im rasenden Zug einen kühlen Kopf, analysiert die Lage, bewertet die Überlebenschancen und macht einen plausiblen Rettungsvorschlag. Die scharfsinnige Wildkatze zweifelt zwar zwischendurch an Falcons Integrität, schlägt sich aber letztlich auf seine Seite.
Verschnaufpausen im Action-Feuerwerk
Durch die räumliche Konzentration auf einen Hauptschauplatz erzeugt der Film zeitweise eine klaustrophobische Enge, in der es zudem angesichts der Fülle der Figuren schwerfällt, den Überblick über simultane Kämpfe im Zug zu bewahren. Zum Glück springt „Tierisch abgefahren“ gelegentlich zu Figuren außerhalb des Zuges wie einem putzigen Rattentrio oder Falcons Adoptivvater, die Verschnaufpausen in dem hektischen Action-Feuerwerk erlauben. Gelegentlich überspannt das Regieduo auch den Bogen der Glaubwürdigkeit, etwa wenn Falcon einmal in einem Spielzeugauto einen steilen Berg hinabrast und in einer atemberaubenden Flugszene im Zug landet.
Bei der Tieranimation legen die Filmschaffenden großen Wert darauf, trotz der Zuschreibung einiger menschlicher Züge deren natürliches Verhalten so weit wie möglich zu bewahren und nicht in eklatante Anthropomorphismen zu verfallen. Ausdrücklich wendet sich der Film auch gegen die Instrumentalisierung von Tieren für angeblich lustige Internetvideos. So sagt ein Kater namens Fiffy einmal: „Ach toll, noch mehr Videos von ausgebeuteten Katzen. Müssen wir uns das wirklich ansehen?“
Das Regieduo hat offensichtlich ein Faible für handfeste Action-Filme aus früheren Jahrzehnten. So erinnert ein lebensgefährliches Duell von Falcon und Hans auf dem Dach des fahrenden Zuges an die spektakuläre Eröffnungssequenz des James Bond-Films „Skyfall“ (2012). Schon das Setting des unaufhaltsam dahinrasenden Zuges erweist mehreren Zugfilmen die Reverenz, so etwa „Unstoppable - Außer Kontrolle“ (2010), „Runaway Train“ (1985) und „Narrow Margin - 12 Stunden Angst“ (1990), „Panik im Tokio-Express“ (1975) und „Speed“ (1994).
Kritik an modernen Massenmedien
Daffis und Tassy üben aber auch kräftige Kritik an modernen Massenmedien. Gleich mehrmals zeigen sie, wie die skrupellosen Reporter des Lokalfernsehsenders auf eine Katastrophe hoffen, damit sie mit spektakulären Bildern die Einschaltquoten hochtreiben und ihre Karrieren vorantreiben können. Aber auch die Sozialen Medien bekommen ihr Fett weg. So muss der kontaktscheue Kater Fiffy einsehen, dass sein Besitzer ihn vor allem dafür nutzt, die Zahl seiner Follower zu steigern. Und der hyperaktive Chihuahua-Hund Randy, der aus den Sozialen Medien immer neue Verschwörungstheorien aufsaugt, muss sich damit abfinden, dass seine Besitzerin, eine selbstsüchtige Influencerin, ihn rasch ersetzt hat.
Bleibt am Ende nur die Frage: Warum muss eine französische Produktion ohne ersichtlichen inhaltlichen Grund in den USA spielen? Sind die Macher so darauf aus, sich an den Weltmarkt anzubiedern?






