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Und es war Sommer - Dieter Thomas Kuhn & Band

90 minDokumentationFSK 12
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Was in den 90er-Jahren als ironisches Schlagerprojekt unter Tübinger Freunden begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem generationsübergreifenden Kultphänomen: Dieter Thomas Kuhn & Band. Im Sommer 2024 begleitet der Film die achtköpfige Band auf ihrer großen Open-Air-Tour quer durch Deutschland – vor Tausenden Fans mit Sonnenblumen, Glitzer und aufgeklebten Brusthaartoupets. Mit unveröffentlichtem Archivmaterial, intensiven Live-Aufnahmen und intimen Backstage-Momenten erzählt „Und es war Sommer – Dieter Thomas Kuhn & Band“ die Geschichte einer Band zwischen Euphorie, Erschöpfung und jahrzehntelanger Freundschaft. Der Film blickt zurück auf die ersten kleinen Auftritte Anfang der 90er, den unerwarteten Erfolg und ein Leben im Ausnahmezustand zwischen Tourbus, Konfetti und Schlagermedleys. Im Mittelpunkt steht die enge Freundschaft zwischen Thomas Kuhn und Philipp Feldtkeller sowie die Frage, wie lange sich ein Leben auf der Bühne eigentlich durchhalten lässt. Eine warmherzige, komische und zugleich berührende Dokumentation über Musik, Freundschaft und die Kunst, das Leben leicht zu nehmen – auch wenn es schwer wird.
  • Veröffentlichung17.09.2026
  • Juliane Sauter
  • Deutschland (2025)
  • Deutsch

Mitte der 1990er-Jahre coverte die Wiener Dandyband „Der Scheitel“ auf ihrem Album „… in einem Haus das Liebe heißt“ unter anderem auch Christian Anders’ Schlager „Geh nicht vorbei“, indem sie die dem Song ohnehin innewohnende Melodramatik derart auskostete, dass das Triviale ins Existentielle kippte. Ganz große Kunst! Diesen Ehrgeiz, vorgefundenes Material befragend zu erforschen, haben Dieter Thomas Kuhn und seine Band Kapelle nie entwickelt. 1994 hat DTK als Projekt begonnen, aufgewärmte Schnulzen als Musik der Elterngeneration live vor Publikum in „crazy“ Verkleidung zu performen. Motto: je geschmackloser, desto besser. Das Publikum, zunächst noch nicht selbst entsprechend verkleidet, ist begeistert und feiert die Nostalgie der Nicht-Dabeigewesenen. Ist es Trash? Ist es Camp? Gassenhauer wie „Anita“, „Mendocino“, „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“, „Und es war Sommer“ oder „Tränen lügen nicht“ werden zu Uptempo-Nummern, zur „Non Stop Dancing Party“, in ein einziges „Hossa“ umarrangiert.

Gemeinsam mit dem etwas dunkleren, unberechenbaren Guildo Horn werden DTK zu den wichtigsten Exponenten des sogenannten „Schlager-Revivals“, was ja eigentlich kein „Revival“ ist, sondern vielmehr ein ironisch überformtes Zitat, das eine Sehnsucht nach etwas bedient, was es so nicht gegeben hat. Eine Zeitreise als Zug nach Nirgendwo. In den besten Momenten, wenn Dieter Thomas Kuhn im Konzert Nachdenkliches übers Altern räsoniert, zitiert er gleichzeitig Dieter Thomas Heck, den langjährigen Moderator der „ZDF-Hitparade“.

Das Leben als Fasching

Die Regisseurin Juliane Sauter, Jahrgang 1995, hat DTK 2024 auf einer Open-Air-Tour quer durch die Republik begleitet und nun für ihren Dokumentarfilm „Und es war Sommer - Dieter Thomas Kuhn & Band“ Impressionen von Begeisterung und Hingabe der Fans gesammelt. Das Leben als Fasching. Es könnte ewig so weitergehen. Ergänzt wird dieses aktuelle Material durch reichlich Archivmaterial: Interviews, Backstage, Berichte über DTK – zumeist nicht chronologisch und auch nicht datiert, sodass man sich selbst einen Reim auf den Kontext machen muss, aus dem das Archivmaterial stammt. Ein paar Bojen zur Orientierung gibt es allerdings: DTK entwickelten sich als Live-Band zu einem veritablen Kult. Man tourte intensiv, bis 1999 schließlich die Stuttgarter Schleyerhalle ausverkauft werden konnte und die „Kunstfigur“ Dieter Thomas Kuhn auserzählt schien. Man löste sich erschöpft auf, was der Sänger Kuhn rückblickend als Fehlentscheidung wertet.

In der Folge versuchte sich Kuhn an einer Karriere als zeitgenössischer Popmusiker, der es seinem Publikum allerdings live „schuldig“ war, in seine aktuelle, andere Musik ein, zwei Reminiszenzen an DTK einbauen. Mit dem Erfolg, dass die Medien Kuhn als Popmusiker kritisch in die Nähe einer Band wie „Pur“ verorteten und die Fans beim Second-Hand-Material zuverlässig durch die Decke gingen. Und dann scheiterte ein „Dreigroschenoper“-Versuch auch noch am Einspruch der Brecht-Erben.

Wo endet das Augenzwinkern?

Solcherart desillusioniert entschloss sich DTK 2004/05 zu einem Comeback, weshalb der einstige Tübinger Studentenulk auf mittlerweile 30 Jahre Live-Ekstase zurückblicken kann. Man könnte sagen: eine Erfolgsgeschichte. Aus dem Abstauber wurde ein Star, weltberühmt in Tübingen. Man könnte genauso gut sagen: Der Sänger Thomas Kuhn, gefangen im Körper der Kunstfigur Dieter Thomas Kuhn. Der Film formuliert Fragen, die er lieber unbeantwortet lässt: Was bedeutet es, wenn Fans sich des legendären Brusthaartoupets ihres Idols bemächtigen, indem sie es sich ihrerseits ankleben? Wo endet das Augenzwinkern? Kuhn selbst bringt es einmal auf den Punkt: „DTK haben den Schlager verarscht, aber verarschen die Fans, die sich komplett auf das Spiel einlassen und es forcieren, nicht mittlerweile längst ihrerseits die Band?“

Alles wirkt in seiner zuverlässigen Ausgelassenheit eingefahren und routiniert, auch der persönliche Kontakt der Musiker mit den Fans. Doch dann erfährt der Gitarrist und Musical Director von DTK, Philipp „Howie“ Feldtkeller, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Und dann bricht er sich auch noch den Mittelfußknochen und humpelt an Krücken durch den Film. Jetzt müssen tatsächlich Gespräche über die Zukunft von DTK, über die Vereinbarkeit von Tourplanung und Therapien, über Männerfreundschaft, über Konzerte und deren Versicherung geführt werden. Vor laufender Kamera.

Solange der Körper mitmacht

Und dann singt Dieter Thomas Kuhn bei einem Soundcheck solo am Klavier „Merci, Chérie“, den alten Udo-Jürgens-Song. Und „Howie“ sitzt mit Gitarre und Gehhilfe am Bühnenrand, lächelt kurz und hört zu. Und plötzlich sind die Ironie, das Doppelbödige, das „Hossa“ weg – und der Film dort angelangt, wo er gar nicht hinwollte. Solange der Körper mitmacht, auf diese Formel hatten sich DTK und die Fans geeinigt. Passend zum Filmstart haben DTK bekannt gegeben, dass diese Geschichte im Sommer 2027 mit drei Konzerten in Stuttgart und Berlin enden wird.

Veröffentlicht auf filmdienst.deUnd es war Sommer - Dieter Thomas Kuhn & BandVon: Ulrich Kriest (16.9.2026)
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