Vorstellungen
Filmkritik
Im Musikleben Italiens im 18. Jahrhundert wurden Frauen vielfach ausgegrenzt. Die katholische Kirche untersagte ihnen, in Gottesdiensten zu singen, und bestand in Rom darauf, dass sämtliche weiblichen Rollen in Opern mit Kastraten besetzt wurden. Angesichts solcher patriarchalen Zustände erstaunt es geradezu, dass es zur selben Zeit in Venedig vier Waisenhäuser gab, in denen junge Frauen eine exzellente musikalische Ausbildung genossen, die sogar Komposition und Dirigieren umfasste.
Das Ospedale Pietà, in dem Damiano Michielettos Adaption von Tiziano Scarpas Roman „Stabat Mater“ spielt, ist eines darunter und weltweit angesehen für sein treffliches Orchester. Nur mussten die Elevinnen bei öffentlichen Auftritten ihr Antlitz hinter einer Maske verbergen und auf Emporen hoch über den Zuhörern musizieren.
Das Ensemble spielt glaubwürdig seine Instrumente
„Vivaldi und ich“ ist das Spielfilmdebüt des erfolgreichen Opernregisseurs Michieletto und keine herbeifantasierte Liebesromanze, wie der Titel vielleicht befürchten ließe. Dem Komponisten Antonio Vivaldi (Michele Riondino) erwächst in dem Drama vielmehr die Bedeutung als demjenigen zu, der Cecilia (Tecla Insolia), der fiktiven Protagonistin, bewusstmacht, dass Musik für sie das Wichtigste in ihrem Leben ist. Musik spielt mithin eine tragende Rolle in dem künstlerisch anspruchsvollen Drama, nicht nur quantitativ, sondern auch in der Weise, wie sie Michieletto zusammengestellt hat und präsentiert – mit einem Ensemble, das glaubwürdig seine Instrumente spielt. Und einem Soundtrack, der nicht nur Ausschnitte aus den „Vier Jahreszeiten“ zum Klingen bringt, dem wohl bekanntesten Violinkonzert des 1678 in Venedig geborenen Komponisten, sondern auch aus weniger bekannten Werken, die sich mit dem Schauplatz historisch verbinden wie Vivaldis einziges Oratorium „Juditha triumphans“, das 1716 im Ospedale Pietà zur Aufführung gelangte.
Die von ihrem Mentor angekurbelte Passion für die Musik wirkt sich zusehends auf das Selbstbewusstsein der Geigerin aus, die lange Zeit vergeblich davon träumt, ihre unbekannte leibliche Mutter würde eines Tages wie aus dem Nichts erscheinen und sie zu sich holen. So abwegig das in ihrem Fall von Anfang an erscheint, kamen solche Fälle tatsächlich vor, gestand doch das Waisenhaus den Müttern, die ihre Babys kurz nach der Geburt bei ihnen abgaben, zu, die Töchter später zurückzuholen. Um Verwechslungen vorzubeugen, hinterließen die Frauen ein persönliches Dokument, das in der Akte hinterlegt wurde, vielfach die Hälfte eines Bildes oder eines Schriftstücks.
Auf praktische Hilfe des Maestros kann sie nicht bauen
Cecilia aber lernt zunehmend, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Risikofreudig trotzt sie mit allen in ihrer Macht stehenden Mitteln der bevorstehenden Zwangsehe, die ihrer musikalischen Zukunft ein unfreiwilliges Ende bereiten würde. Auf praktische Hilfe des gesundheitlich angeschlagenen Maestros kann sie dabei nicht bauen. Finanziell auf seine gute Stellung im Ospedale angewiesen und auch ein bisschen feige, unternimmt Vivaldi jedenfalls nicht die erhofften Anstrengungen, seine Lieblingsschülerin mit Geld beim Klerus freizukaufen.
Das Filmporträt gelingt damit facettenreich realistisch. Es zeigt den Komponisten, der 1741 verarmt in Wien starb, als genialen Künstler, der mit seinen „Vier Jahreszeiten“, an die er sein Frauenorchester heranführt, den Weg zu einer für damalige Verhältnisse moderne Tonsprache bereitet. Und einen Lehrer, der nicht in aller Konsequenz für seine Ideale eintritt, zumindest nicht, sobald sie persönliche Opfer erfordern. Am Ende wird Cecilia für den Kampf um ihre Freiheit selbst ungehorsam und bezahlt dafür einen hohen Preis. Glaubwürdig zeichnet Tecla Insonia diese Entwicklung von einem anfänglich eher zerbrechlichen Wesen zu einer willensstarken Persönlichkeit nach.
Geprägt von historischer Authentizität
Bei alledem hebt sich „Vivaldi und ich“ mit seiner stilsicheren Erzählung auch entscheidend von Margherita Vicarios thematisch ähnlich ausgerichtetem, flachem Musical „Gloria!“ ab, das reichlich schrill mit einem wüsten Cocktail aus Barockmusik, Jazz und Pop von Musikerinnen in einem anderen venezianischen Waisenhaus des 18. Jahrhunderts erzählte. Anders als seine Operninszenierungen, in denen er die Handlung meist und nicht immer überzeugend in die Gegenwart transferiert, ist Michielettos Arbeit für das Kino geprägt von historischer Authentizität, pittoresken Landschaftsbildern vom historischen Venedig, wie inspiriert vom Maler Canaletto, und fast immer passend musikalisch untermalt.
Überladen wirkt die breit angelegte Partitur musikalisch nur, wenn sich Klänge von Vivaldi in dichter Folge mit einem modernen Soundtrack verbinden, der Cecilias Innenleben nach außen kehrt. Mit Momenten der Stille dazwischen wäre Vivaldis Musik in dieser feinfühligen, berührenden Emanzipationsgeschichte noch stärker zur Geltung gekommen.





