Vorstellungen
Filmkritik
Als in den frühen 1990er-Jahren über die Treuhandanstalt etliche DDR-Betriebe abgewickelt oder an West-Investoren verkauft wurden, auch solche, die durchaus noch wirtschaftlich gewesen wären, brach für viele ostdeutsche Arbeitnehmer eine Welt zusammen. Jahre- und jahrzehntelang hatten sie in einem Betrieb gearbeitet, der für sie identitätsstiftend war und in dem sie Arbeitsbeziehungen und Freundschaften geknüpft hatten. Immer mehr Dokumentarfilme, etwa „Stolz & Eigensinn“ (2025) von Gerd Kroske, setzen sich mit dieser Thematik auseinander. Denn es existieren noch Filmaufnahmen von früher, und mit dem heutigen Abstand kann man die Ereignisse von damals besser einordnen.
So verhält es sich auch mit „Weißer Rauch über Schwarze Pumpe“, der von mehreren Kameramännern, darunter Peter Badel, und Regisseur Martin Gressmann gedreht wurde. Er verbindet filmische Dokumente von damals mit Interviews Beteiligter und Bildern von heute. Durch den zeitlichen Abstand ist eine Lücke entstanden, die der Film, dessen Aufbau wenig linear oder kausal ist, aber nicht füllen will. Selbst im Heute wird man mit den Folgen der damaligen Abwicklungen konfrontiert. Die Menschen sind weniger auskunftsfreudig als früher. Sie misstrauen allem, was mit Regierungen oder staatlichen Beschlüssen zu tun hat. Nur die junge Generation berichtet bereitwillig, etwa eine Clique von Schülern der 9. Klasse, in deren Erzählungen sich fröhliche Storys über ihr Schulleben oder ihre Ausbildungspläne mit Skepsis gegenüber Flüchtlingen mischen
Alles drehte sich um die Braunkohle
Früher war der VEB Schwarze Pumpe der größte Gasproduzent der DDR. Alles drehte sich um die Braunkohle, aus der Gas, Strom, Briketts und Koks produziert wurden. Im damaligen Bezirk Cottbus, der heute Südost-Brandenburg heißt, beschäftigte das Kombinat nahe Spremberg zu Spitzenzeiten rund 16.000 Menschen. Aufnahmen von 1991 zeigen, wie Beschäftigte mit dem Bus zur Arbeit fahren. Werksbusse fuhren auch von Spremberg nach Hoyerswerda; auf ihnen ist das Logo des Kraftwerks Schwarze Pumpe zu erkennen. Trabis und Wartburgs bestimmen das Stadtbild. Menschen in Stone-Washed-Jeans, einige Frauen mit Dauerwelle, geben Auskunft über ihr Leben nach der Entlassung. Eine alleinerziehende Mutter ist verzweifelt. Nirgendwo wäre neue Arbeit zu finden; das Arbeitsamt vermittle nichts, bestätigen auch andere.
So improvisieren die Menschen, werden Straßenhändler oder geben sich ihrem Schicksal hin. Ein junger Mann rechnet mit seinen Mitmenschen ab. Die Leute hätten den Kapitalismus und die neuen Autos doch gewollt. Nun sollten sie sich nicht beschweren. Er selbst werde bald in den Westen gehen und dort als Kraftfahrer arbeiten.
Ein Ehepaar Ende 50 gibt Auskunft, wie lange es im Kombinat beschäftigt war, erzählt aber auch von schlechter Luft und daraus resultierenden gesundheitlichen Beschwerden. Der Fluss der Gegend, die Spree, sei früher braun gewesen. Aber die Bergleute wären für ihre gesundheitlich riskante Arbeit gut entschädigt worden; sie zählten zu den Spitzenverdienern in der DDR.
Erfrischend spontan
Vieles wirkt erfrischend spontan in „Weißer Raum über schwarzer Pumpe“. Die Interviewten nehmen kein Blatt vor den Mund, sondern schildern aus ihrer Perspektive, wie sie die neuen Zeiten empfinden. Personen ohne Familie haben die besseren Karten, sind flexibler und können das tun, was viele Menschen aus den bald strukturschwachen Regionen getan haben: Umziehen, oft in den Westen. Bei anderen macht sich Apathie breit. Ein Fleischer, ein Kraftfahrer und ein Ex-Schreiner, alle mittleren Alters, können nicht glauben, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Sie klagen nicht explizit, aber man spürt ihre Verbitterung.
So wiederholen sich die Interviewsituationen von Menschen unterschiedlichster Beschäftigungen, die mal in privater Umgebung, mal draußen vor die Kamera treten. In einer Kantine, wo zu sehr moderaten Preisen gegessen wird, arbeitet eine Frau, die eigentlich Lehrerin ist. Einmal wird im Film auch ein amüsanter Vergleich angestellt: Arbeiten sie heute so wie früher ein Auto zu bekommen – eine Anspielung auf die langen Wartezeiten für PKWs in der DDR, die bis zu 12 Jahre umfassten. Ein hübsches junges Mädchen wird mit seiner Mutter in seiner Wohnung interviewt. Auf dem Wohnzimmertisch liegen Ost-Zigaretten der Marke Cabinet. Später posiert sie für den Film vor den Türmen des Kombinats.
Die Bilder im Heute kontrastieren mit den alten Aufnahmen und spiegeln doch die Kontinuität von Menschen wider, deren Kinder von den Umbrüchen geprägt wurden und die die Erzählungen der Älteren verinnerlicht haben. Große Pläne werden für die Areale der stillgelegten Kohlebetriebe entworfen. Ein Naherholungsgebiet soll um Cottbus herum entstehen. In Spremberg findet ein Motocross-Rennen für junge Leute statt.
Zeit, den Menschen zuzuhören
So reiht der Film Momentaufnahmen aneinander, aus denen man viel herauslesen kann. Sie folgen keiner klaren Struktur und lassen Raum für die Ergänzungen des Publikums. Die Filmemacher nehmen sich Zeit, den Menschen zuzuhören, die damals wie heute über keine Lobby verfügten und deren Leben man kennenlernt. So gelingt ein nicht wertendes und doch aussagekräftiges Porträt über eine Region und ihre Bewohner, über Menschen an der Basis, die sich durch Lebensumgebung, Worte und Körpersprache mitteilen und damit auch ein Stück Geschichte schreiben.
