Vorstellungen
Filmkritik
Als plötzlich der Plattenspieler verstummt und das Licht ausgeht, bleibt Alois nichts anderes übrig, als im Kerzenschein des Weihnachtsbaums selbst zur Gitarre zu greifen. So ist der Heilige Abend, den der letzte Mieter im Wohnhaus allein verbringt, wenigstens halbwegs gerettet. Die Stromsperre sie nur der Anfang einer Serie von Maßnahmen, erklären ihm die beiden windigen Typen der Holding, die das Haus im 3. Wiener Bezirk gekauft und für den Abriss freigegeben hat. Es stünden ihm das Abstellen von Gas und Wasser, tägliche Besuche, Müllablagerungen und andere Schikanen bevor, wenn er dem Auszug nicht freiwillig zustimme. Die Botschaft der Immobilienfirma, prominent an der Fassade platziert: „Wir bauen neue Werte.“
Seit „Das ist alles“ (2001), ihrem ersten gemeinsamen Film, widmet sich das italienisch-österreichische Regie-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel Menschen und Existenzformen an den gesellschaftlichen Peripherien: in einem russischen Dorf gestrandete Minderheiten, nomadisch lebende Zirkusleute oder das Strizzi-Milieu im Wien der 1960er-Jahre. Von ihren dokumentarischen Ursprüngen ausgehend, entwickelten sich die Arbeiten des Duos zu einem hybriden oder semidokumentarischen Kino. Menschen spielen in erfundenen Geschichten sich selbst; die Dialoge sind improvisiert, auf künstliches Licht und extradiegetischen Sound wird verzichtet. Mit „The Loneliest Man in Town“ haben Covi und Frimmel jetzt einem Wiener Original, dem Bluesmusiker Al Cook, ein Denkmal gesetzt.
Zeugnis einer großen Liebe
Alois’ Herz gilt seiner verstorbenen Frau Silvia und der Musik, insbesondere dem Blues. Seine ganze Erscheinung – eine ergraute, mit Haarspray fixierte Elvis-Tolle, karierte Jacketts, Westernhemden, Jeans – wie auch seine aus der Zeit gefallene Wohnung und das kleine Kellerstudio sind Zeugnis dieser großen Liebe. Erinnerungsstücke und Devotionalien wie Schallplatten, Fotos, Poster, Zeitschriftensammlungen, Videobänder, CDs und die Stimmen von Lonnie Johnson und anderen fügen sich zum Porträt eines Mannes, der ohne diese Umgebung fast nackt erscheinen würde.
Die Frau vom Amt ermutigt Alois, nicht kampflos aufzugeben, aber gegen die Macht des Kapitals kann er nichts ausrichten. Der beleibte, schwer atmende Abgesandte der Firma erscheint unangekündigt zum Frühstück oder liegt mit nacktem Oberkörper sturzbetrunken auf seinem Sofa. Wasser hat Alois auch keines mehr. Schließlich bleibt ihm nichts anderes als die Kapitulation, und damit auch der Abschied von seinen geliebten Dingen, mit denen er mehr als sein halbes Leben verbracht hat. Der Verkauf seiner Schätze, von Plattenspielern, „Bravo“-Starschnitts bis zu einer Familie von Porzellanleoparden, ist für den Film auch eine Gelegenheit, ihnen einen kleinen Auftritt zu schenken und archivarisch tätig zu werden.
Wo das Reisebüro noch „Reisebüro“ heißt
Mit liebevollem Blick folgt der Film Alois durch die Umbruchszeit. Zwischen dem Gang ins Kaffeehaus, einem Auftritt vor einer Handvoll Leuten und der Wiederbegegnung mit seiner ersten Liebe, die ihn vor mehr als zwanzig Jahren wegen musikalischer Unvereinbarkeiten – den „Beatles“ – verließ, stehen dokumentarische Bilder von Abrissarbeiten. Motive wie Gentrifizierung und Alterseinsamkeit scheinen in „The Loneliest Man in Town“ jedoch eher auf, als sich zum Thema zu verdichten, und die Gegenwart dringt auch außerhalb von Alois’ patinierter Wohnung nur punktuell in die filmische Welt. Im Wien des Films heißt das Reisebüro tatsächlich noch „Reisebüro“.
Alois, der nie im Land des Blues war, sich Englisch durch das Studium eines Elvis-Interviews selbst beigebracht hat und für ein Plattencover das Mississippi-Delta an der Donau nachspielt, träumte schon immer davon, in einem Juke Joint aufzutreten. So kauft er sich ein One-Way-Ticket in die USA. „Ausgerechnet jetzt“, heißt es dazu knapp.
Lebendigkeit auf kleiner Flamme
Anders als Covis und Frimmels sozialrealistisch grundierte Filme „La Pivellina“ (2009) und „Vera“ (2022), die ganz von Bewegung getragen sind, ist „The Loneliest Man in Town“ ein ruhiges und eher statisches Werk. Die Lebendigkeit wird ausgebremst und lodert auf kleiner Flamme; knappe Dialoge, Humor und die ästhetischen Markierungen erinnern gelegentlich an die Filme von Aki Kaurismäki – jedoch ohne die Tiefe und den herzzerreißenden Schmerz. „The Loneliest Man in Town“ bleibt leicht und optimistisch.


