Szene aus Wil
Filmplakat von Wil

Wil

Drama, Kriegsfilm, Historie | FSK 16
Szene %1 aus %Wil
Szene %2 aus %Wil
Szene %3 aus %Wil
Wilfried Wils ist Hilfspolizist in Antwerpen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Stadt ist von Gewalt und Misstrauen geprägt. Wilfried tut, was er kann, und meidet allzu schlüpfrige Wege. Er erhält Aufmerksamkeit und materielle Unterstützung von einem Mann, der sich auf die Seite der deutschen Besatzer geschlagen hat, Meanbeard, aber er genießt auch das Vertrauen seines Anti-Nazi-Kollegen Lode, dem Bruder von Wilfrieds Liebe Yvette. Wilfried kämpft ums Überleben, während die Verfolgung der Juden unvermindert weitergeht.

Filmkritik

„Niemand weiß, was Geschichte wirklich ist, wenn man sie nicht mit eigenen Augen erlebt hat.“ Daran erinnert eine Stimme aus dem Off. Antwerpen 1942, zwei Jahre, nachdem Hitlerdeutschland Belgien überrannt hat. Zwei junge Männer, Wil und Lode, beginnen ihren Dienst zusammen mit anderen „Neuen“ bei der lokalen Polizei. Ihr Vorgesetzter Jean trichtert den jungen Männern ein, worin ihre Aufgabe besteht: sich nicht einzumischen, wenn die Deutschen schalten und walten.

Schon am ersten Abend werden Wil und Lode von einem deutschen Feldgendarmen zwangsverpflichtet, „Arbeitsscheue“ zu verhaften, ein zynischer Euphemismus der Nazis, um in Belgien Juden festzusetzen. Der brutale, unter Drogen stehende Feldgendarm ist hochgradig nervös, vielleicht sogar korrupt. Als nach der Verhaftung die jüdische Mutter mit ihrer Tochter davonrennt, schießt der Deutsche gnadenlos auf die Flüchtenden. Die beiden flämischen Polizisten reagieren menschlich, versuchen den Feldgendarm zu stoppen, der daraufhin Lode zusammenschlägt. Wil mischt sich ein, dabei kommt der deutsche Soldat zu Tode, und seine Leiche wird von den beiden völlig überforderten Neu-Polizisten schnell entsorgt.

Die moralischen Dilemmata der Besatzungszeit

Schon der Beginn von Tim Mielants zweitem Spielfilm wirkt wie ein Schlag in die Magengrube. Dabei merkt man der Umsetzung an, dass der Regisseur der 3. Staffel von „Peaky Blinders“ nicht zum ersten Mal menschliche Abgründe inszeniert. Bildgewaltig und mit einer schmutzigen, dunklen Ästhetik verstärkt die Optik den düsteren Grundton. Dabei stellt der Film gleich die richtigen Fragen. Musste man als belgischer Polizist, aber auch einfach nur als Bürger, mit den Deutschen paktieren, kollaborieren? Konnte man sich auch wehren, passiv oder aktiv Widerstand leisten? Wenn ja, zu welchem Preis? Wil und Lode haben zunächst einfach nur Angst, denn die Gestapo und SS sind brutal, wenn sie etwa wahllos Kommunisten verhaften und sofort erschießen, wenn keiner der Gefangenen bereit ist, eine Aussage zu machen. Während man in Wils Familie auch Antisemiten und Kollaborateure kennt, hat sich Lodes Familie dem Widerstand angeschlossen. Besonders willensstark ist Lodes Schwester Yvette, die Will zunächst misstraut. Später gehen beide eine erotisch stark aufgeladene, leidenschaftliche Beziehung ein.

Im Zentrum der Geschichte steht die Verfolgung der Antwerpener Juden: ein Pogrom, nachdem eine aufgehetzte Meute den Propagandafilm „Der ewige Jude“ gesehen hat, und die vielen Razzien, bei denen Deutsche und ihre flämischen Kollaborateure Juden verschleppen. Dabei verdichtet Tim Mielants, ohne Geschichte zu verfälschen. Er siedelt das Pogrom vom April 1941 ein Jahr später an, als ab 1942 die ersten Razzien stattfinden. Vor allem Wil muss sich dabei immer wieder neu positionieren. Der deutsche SS-Mann und Sadist Gregor – eindrucksvoll gespielt von Dimitrij Schaad, aber vom Drehbuch als Figur etwas zu plakativ diabolisch angelegt – erpresst Wil zunehmend. Vor allem als es den Deutschen gelingt, die Widerstandsgruppen zu zerschlagen und führende Köpfe durch Folter zu brechen und zu ermorden, bleibt Wil nur noch eine schreckliche Wahl: seinem Gewissen zu folgen mit allen tödlichen Konsequenzen, die das wahrscheinlich hat, oder selbst zum Täter zu werden.

Ab wann ist Widerstand unumgänglich – oder einfach nur nutzlos

„Weil der Mensch erbärmlich ist“ verstört und schockiert wie schon lange kein Film mehr, der die Shoah und die Besatzung thematisiert. Anders als die deutsche Produktion „Stella. Ein Leben.“, die derzeit in den Kinos läuft und eine klare Haltung vermissen lässt und eher als didaktisches Lehrstück agiert, kennt der Regiestil von Tim Mielants kein Erbarmen mit den Zuschauern. Ohne dazu aufgefordert zu werden, stellt man sich als Betrachter laufend die Frage, wie man sich in einer so mörderischen Diktatur verhalten hätte, ab wann Widerstand unumgänglich oder einfach nur nutzlos ist.

Mitunter sind die Gewaltszenen fast unerträglich, aber anders als etwa bei Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ sind sie eben nicht so ahistorisch und überdreht, dass man sich als Betrachter aufgrund der Genrekinohaftigkeit der Inszenierung aus dem schmerzhaften Bewusstsein, dass hier die Gnadenlosigkeit der realen Geschichte die Erzählbasis liefert, herausschummeln kann. Tim Mielants setzt nicht auf Verfremdung, sondern eher auf emotionale, schmerzhafte Identifikation oder Auseinandersetzung mit den Protagonisten. Damit ist der belgische Filmemacher viel näher an den beiden Meisterwerken „Der Soldat von Oranien“ und „Black Book“ des Niederländers Paul Verhoeven, der sich in beiden Filmen auch kritisch mit den Themen Kollaboration, Verrat und Widerstand auseinandergesetzt hat.

Mielants punktet ebenso als visueller Erzähler wie auch als Schauspielregisseur. Denn es sind die eindrucksvollen Darsteller wie Stef Aerts als Wil, Matteo Simoni als Lode oder die bekannten Gene Bervoets und Altmeister Jan Decleir sowie die sehr überzeugende Newcomerin Annelore Crollet, die dafür sorgen, dass man sich der Wucht dieses Dramas nicht entziehen kann. Einmal mehr beweist das flämische Kino nach den „Oscar“-nominierten Filmen „The Broken Circle Breakdown“ „Bullhead“ und „Close“, welche starken Werke das flämischsprachige belgische Kino immer wieder zu bieten hat.

Erschienen auf filmdienst.deWilVon: Jörg Taszman (15.12.2024)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
Über Filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de