Wild Horse Nine










- Veröffentlichung12.11.2026
- RegieMartin McDonagh
- ProduktionsländerVereinigte Staaten
Cast
Vorstellungen
Filmkritik
1970 befindet sich Chile im Aufbruch. Der neugewählte Präsident Allende verspricht eine progressive Nation, die sich als leuchtendes Vorbild für ganz Südamerika etablieren könnte. Diese Euphorie dauert aber nur kurz, da es im September 1973 mit Unterstützung der CIA zu einem Putsch kommt, der das demokratisch gewählte Regime durch eine Militärdiktatur ersetzt. Einige Monate vor diesem Staatsstreich verlassen die beiden US-amerikanischen Agenten Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) gemeinsam Santiago de Chile, um in den Urlaub zu fliegen.
In den Taschen von Chris befinden sich jede Menge Morphium sowie ein Zettel mit der Aufschrift „Remember that you are going to die“. Für seine vermeintlich letzte Reise hat er sich vorgenommen, endlich seine Memoiren zu verfassen. Er ist sich sicher, dass ihn deswegen jemand umbringen will. Weniger sicher ist er über die Frage, ob Dinosaurier, Motten, Nazis und Katholiken in denselben Himmel kommen – und ob in diesem Himmel auch ein Platz für ihn frei wäre. Die Antworten auf diese Fragen hofft er gemeinsam mit seinem Arbeitskollegen und besten Freund auf der Insel Rapa Nui im Schatten der berühmten Moai-Steinköpfe zu finden. Obwohl sein eigener Kopf immer mehr den Geist aufgibt.
Im Kopf von John Malkovich
Ob Chris tatsächlich auf die „Osterinseln“ wollte oder eher lieber nach Venedig oder nach Arkansas, ist nicht ganz klar, denn immer wieder scheint er Schwierigkeiten mit seinem Gedächtnis zu haben. Die Jahre im Dienst der CIA haben ihn allerdings auch zu einem derart professionellen Lügner gemacht, dass aus seinem Mund viele Wahrheiten wie erfunden klingen und umgekehrt. Er schwadroniert über die Entstehung des Molotow-Cocktails, Attentate in der Tschechoslowakei, den Tag, an dem der US-Präsident John F. Kennedy erschossen wurde, und immer wieder auch von dem Tag, an dem Chile stürzen wird. Wann genau sein geistiger Verfall oder das Morphium aus ihm spricht und wann er einfach aus Gewohnheit die Unwahrheit erzählt, lässt sich nicht eindeutig sagen. Die daraus entstehenden Unsicherheiten sind allerdings kein Hindernis, sondern eher ein Kunstgriff, der dem Film eine besondere Substanz verleiht.
Denn aus diesem Spannungsfeld, in dem Fakten und Fiktion zunehmend an Trennschärfe verlieren, erschafft Malkovich eine herausragende darstellerische Leistung. Mal wird er zum polternden Hofnarren, der Wahrheiten in Witze verpackt, dann aber schimmert die Melancholie des Todgeweihten durch, der sich vergeblich an seine letzten Erinnerungen klammert. Macht und Ohnmacht gehen in seiner Darstellung Hand in Hand, und Malkovich verkörpert all diese Gegensätzlichkeiten so überzeugend, dass er gleichermaßen Abneigung als auch Empathie für seine Figur hervorruft.
Die Sehnsucht nach Vergebung
Objektiv betrachtet sind sowohl Chris als auch Lee in vielerlei Hinsicht schreckliche Männer. Lee ist ein herzloser Ehemann, und Chris ist überzeugt davon, dass fast alle Länder in Europa „schwul“ sind – weil gesunde Demokratien zu schwulen Ländern mit gutem Käse führen. Beide weigern sich vehement, die „Osterinseln“ mit ihrem indigenen Namen „Rapa Nui“ zu bezeichnen, und wer sie darauf hinweist, wird bestenfalls ausgelacht und schlimmstenfalls bedroht. Hinzu kommen noch die unzähligen Leben, die sie in ihrer beruflichen Laufbahn direkt und indirekt zerstört haben.
Doch Regisseur Martin McDonagh gelingt es immer wieder, auf die Menschlichkeit der Unmenschen hinzuweisen. Statt pauschal zu verurteilen, stellt er lieber eine Frage, die sich in fast allen seinen Filmen wiederfindet: Verdienen diese Figuren Vergebung, und was müssten sie dafür tun? Obwohl der Regisseur selbst eine Antwort schuldig bleibt, konstruiert er seinen Diskurs meisterhafter denn je. Er erschafft Grauzonen, in denen ein Mord legitim sein könnte, oder selbstgewählte Ignoranz wie ein Segen wirkt. Alles vage genug, um seinen eigenen Standpunkt nicht preiszugeben, aber dennoch so klar, dass es für beide Seiten Argumente gibt. In einer der einprägsamsten Szenen des Films fragt eine chilenische Studentin, wie sie verhindern könnte, dass ihre Demokratie zerschlagen wird. Chris’ Antwort ist ebenso bitter wie pointiert: ein Aufruf zur Gewalt und der fatalistische Appell, ein Leben zu führen, in dem es nur die Chance gibt, Täter zu sein, ehe man zum Opfer wird.
Das Perfide dabei ist McDonaghs Kunstgriff, die Geschichte in einen historischen Kontext einzubetten. Denn der von der CIA unterstützte Putsch in Chile wird genau so eintreten, wie Chris ihn voraussagt, und in eine grausame Diktatur münden. Ob die Bevölkerung das hätte verhindern können, indem sie weniger protestiert und mehr Männer in Uniformen ermordet hätte, ist mehr als fragwürdig. Doch die bloße Tatsache, dass diese archaische Lösung nicht völlig absurd erscheint, ist beängstigend genug. Man fragt sich, was man 1973 in Chile getan hätte, um die Demokratie zu verteidigen, und merkt, dass McDonagh hier mit chirurgischer Präzision einen Nerv der Gegenwart getroffen hat.
Jenseits von Brügge
Auf seine Einzelteile heruntergebrochen wirkt „Wild Horse Nine“ fast wie eine Variation von McDonaghs Debüt „Brügge sehen… und sterben“: Zwei Killer reisen gemeinsam zu einer wunderschönen Touristendestination, um dort über ihre vergangenen Sünden, ihr Leben und ihre Freundschaft zu reflektieren. Es entspinnt sich eine unkonventionelle Gangsterstory mit schwarzem Humor und messerscharfen Dialogen. Der Regisseur setzt damit auf eine Beziehungsdynamik, mit der er bereits mehrfach Erfolg hatte und die auch dieses Mal funktioniert: die komplizierte Freundschaft zweier moralisch fragwürdiger Menschen.
Doch McDonagh hat sich eindeutig auch weiterentwickelt. Obwohl er sich mit ähnlichen Fragen beschäftigt, gelingt es ihm, ihnen neue Facetten hinzuzufügen. Das macht die Reise nach Rapa Nui nicht unbedingt unterhaltsamer als den Ausflug nach Brügge, aber eindeutig reifer und vielschichtiger. „Wild Horse Nine“ thematisiert die Krisen der Gegenwart und destilliert aus dem damit verbundenen Weltschmerz viel Witz, aber auch jede Menge Drama. Dafür wird die Buddy-Komödie mit den unterschiedlichsten Weltanschauungen aufgeladen, die sich dagegen sträuben, einen gemeinsamen Nenner oder eine vereinende Wahrheit zu finden. Obwohl „Wild Horse Nine“ keine simplen Lösungen für seine komplexen Probleme präsentiert, findet sich in der Story zumindest eine These wieder, die vorsichtig optimistisch stimmt: Vielleicht kann ein guter Film die Welt mehr verändern als eine geladene Waffe.

