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Wohin mit mir?

79 minDokumentarfilmFSK 6
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Zwei jugendliche Geflüchtete suchen in Deutschland ihren Platz in einer Gesellschaft, die sie nicht mitdenkt – zwischen Asylverfahren, Identitätssuche und dem Wunsch nach Normalität.
  • Veröffentlichung01.10.2026
  • Marvin Menné
  • 2026
  • Deutsch

„Du kannst nichts machen“ ist ein Satz, den Majd und Shahfaisal immer wieder zu hören bekommen. Nichts machen, um die Entscheidung über ihren Aufenthaltsstatus in Deutschland in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Beide sind als unbegleitete minderjährige Geflüchtete mit subsidiärem Schutz bei Erreichen der Volljährigkeit von der Abschiebung bedroht. Zugleich sollen sie bis dahin alles für ihre Integration tun: Deutsch lernen, eine Ausbildung beginnen, idealerweise noch arbeiten und Geld verdienen, um einen Fachanwalt für Asylrecht bezahlen zu können.

Wechselspiel zwischen Hoffen und Mutlosigkeit

Majd und Shahfaisal leben in einer Wohngruppe für minderjährige Geflüchtete in Mönchengladbach. Marvin Menné, Absolvent der Hochschule Mainz, hat sie ein halbes Jahr lang mit der Kamera begleitet: bei Gesprächen mit den Sozialarbeiterinnen und Familienmitgliedern, beim Deutschlernen, Jobben und Zeitvertreib. „Wohin mit mir?“ ist unweigerlich eine Serie von Momentaufnahmen. Die Ungewissheit erzeugt ein permanentes Wechselspiel zwischen Hoffen und Mutlosigkeit. Hinzu kommt die Zerrissenheit zwischen den verschiedensten Ansprüchen. Neben Schulabschluss und Geld verdienen wollen Majd und Shahfaisal ja auch einfach „normale“ Teenager sein.

„Wohin mit mir?“ ist kein Film über das deutsche oder europäische Asylrecht oder die gesellschaftliche „Stimmung“, die rechte Kräfte mit ihrer migrationspolitischen Agenda anheizen – auch wenn der Zuwachs der AfD-Wählerschaft sowie die anstehende Aufhebung des Abschiebeverbots nach Afghanistan zur Sprache kommen. Marvin Menné geht es eher darum, einem entmenschlichenden Diskurs das Porträt zweier Menschen entgegenzusetzen, das erfahrbar macht, was Migrationspolitik für ihr konkretes Leben bedeutet.

Du sollst arbeiten

Menné folgt den Protagonisten auf den Fußballplatz und die Bowlingbahn, kurze Augenblicke, in denen Majd und Shahfaisal im Moment leben und ihre Gedanken nicht vom ausbleibenden Bescheid, der Ablehnung eines Antrags oder irgendeinem anderen Rückschritt bestimmt sind. Im Deutschunterricht dagegen laufen beim Konjugieren des Modalverbs „sollen“ die gesellschaftlichen Imperative bereits mit, der Beispielsatz des Lehrers lautet: „Du sollst arbeiten.“

Die individuellen Fluchtgeschichten stehen im Film im Hintergrund, brechen bei den Interviews aber immer wieder in Bruchstücken durch. Shahfaisal floh nach der Machtübernahme der Taliban aus Afghanistan, ein in Bulgarien registrierter Fingerabdruck gefährdet seine Bleibeperspektive in Deutschland. Majd ist vor dem Terror des Assad-Regimes aus Syrien geflüchtet. Bei den anstehenden Anhörungen müssen Fluchtgründe wie die drohende Gefahr im Fall einer Abschiebung glaubhaft gemacht werden. Verfolgung aber ist oftmals nicht mit Dokumenten belegbar.

Es ist nie genug

Die Forderung, die Flucht nach Deutschland und den Anspruch auf Aufenthalt, Schutz und gesellschaftliche Teilhabe unter Beweis zu stellen, ist unaufhörlich präsent. Shahfaisal bemüht sich, alles „richtig“ zu machen, er lernt die Sprache, engagiert sich im Jugendparlament, findet einen Job als Supermarktaushilfe und Erntehelfer. Und doch ist es nach den Maßstäben von Behörden und Mehrheitsgesellschaft nie genug. Am fehlenden Hauptschulabschluss scheitert die Zusage für einen Ausbildungsplatz, und ohne Ausbildungsplatz sinken die Chancen für den Aufenthaltstitel: „Warum soll ich diese Sprache lernen und in die Schule gehen?“, fragt er sich irgendwann niedergeschlagen. Majd machen vor allem die doppelten Erwartungen zu schaffen. Während er von den Sozialarbeiterinnen dazu angehalten wird, Deutsch zu lernen, kommen von der Familie ständige Geldforderungen. Wie weit die Lebensrealitäten auseinanderdriften, zeigt auch ein Telefonat mit der Mutter. Vor dem Termin beim BAMF ermahnt sie zur Sauberkeit, es sei wichtig, dass die Wohnung schön dufte.

Menné begegnet den Protagonisten mit dezenter Empathie, dabei gilt sein Blick auch den engagierten Sozialarbeiterinnen in der WG, die immer wieder das bereits Erreichte betonen und Mut zusprechen, zugleich dürfen sie den Jugendlichen auch keine falschen Hoffnungen wecken. Dass die Lage „sehr ernst“ ist, zeigen auch die Texteinblendungen am Ende des Films. Ein paar Monate nach Dreharbeiten leben Majd und Shahfaisal noch immer in völliger Ungewissheit über ihre nähere Zukunft.

Veröffentlicht auf filmdienst.deWohin mit mir?Von: Esther Buss (29.9.2026)
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