Cyberpunk Romance

98 minScience FictionFSK 12
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Die Zukunft ist da und der junge Hacker Milo (Jannick Schümann) ist begeistert: Fremdsprachen lassen sich in Sekundenschnelle lernen, Fachwissen einfach uploaden und virtuelle Rauscherlebnisse eröffnen neue Horizonte. Möglichen machen das sogenannte Ports: USB-ähnliche Anschlüsse am Kopf, über die sich menschliche Gehirne direkt mit Computern und sogar anderen Gehirnen verbinden lassen. Milos anarchistische Hacker-Truppe probiert das alles lustvoll aus – bis Milo plötzlich in ein neurotechnisches Koma fällt. Nur seine technologiekritische Freundin Mona (Naemi Florez) hat den Mut, sich Neuroviren, Brainbugs oder Mental Malware auszusetzen, um ihre Geliebten zu retten. Und reist direkt in seinen Kopf hinein.
Welchen Preis sind wir bereit, für die Zukunft zu zahlen? Und wenn Mensch und Technik eins werden – wer hat dann die Kontrolle? In „Cyberpunk Romance“ erzählt Regisseur Joscha Douma von einem technisierten Kontrollverlust, dessen erste Anzeichen sich heute schon in unserer Welt manifestieren. Ein ungebremst leidenschaftlicher Film in flackerndem Neonlicht, der in einer Welt von Big-Tech-Unternehmen, Deep-Brain-Stimulation und künstlicher Intelligenz die letzten Reste der Menschlichkeit sucht.

Der Datenstrom der Zukunft fließt direkt ins Hirn. Direkt in den Schädelknochen wird der Zugang geschossen, der das Fleisch an die Datenwelt koppelt. Die dazugehörigen Apps bieten allerlei Möglichkeiten: Vom internalisierten Computergedächtnis, das eine endlose Fülle an sofort abrufbarem Wissen, Sprachkenntnissen et cetera bietet, bis zu künstlicher Gefühlsoptimierung, mit der Schmerzen reguliert und Emotionen gesteuert werden können. Die dazugehörige Hard- und Software kontrolliert ein internationaler Großkonzern, der nicht viel Gutes im Sinn hat. Zumindest wenn man der kleinen Gruppe von Science-Fiction-Hipstern glaubt, um die „Cyberpunk Romance“ konstruiert ist. Sie alle glauben an die Technik, nur nicht an ihren globalkapitalistischen Anhang.

Also hackt sich die Gruppe um Milo (Jannik Schümann) und seine Freundin Mona (Naemi Florez) in das System, das die großen Tech-Unternehmen kontrollieren. Eigene Ports werden gesetzt, „gecrackte“ Versionen der Software installiert. Mona ist die Einzige, die ohne Port und App-gestütztes Gehirn auskommt. Zu hoch erscheint ihr der Preis, zu furchterregend die Idee, das eigene Gehirn an ein fremdes System zu koppeln. Der Film ist klar auf ihrer Seite. Die Verbindung von Bewusstsein und Datenstrom steht in keinem guten Verhältnis zu ihrer dystopischen Schlagseite. Auch die persönlichen Risiken sind gut sichtbar. Eine der fragwürdigen ist der sogenannte „Brainbug“, der als neurologische Malware das Stottern als Symptom hervorruft.

Die Kontrolle wird an den Kolibri abgegeben

Der eigentliche neuralgische Punkt der Selbstdigitalisierung ist aber ein anderer: Wer vom Port profitieren will, muss die Kontrolle des eigenen Gehirns an einen sogenannten Kolibri abgeben, eine Art Betriebssystem, das die Steuerung einzelner Hirnfunktionen übernimmt beziehungsweise auf Kommando hin reguliert. Die potenziellen Folgen erfährt Milo, als die neueste App, die er in sein Algorithmus-optimiertes Hirn lädt, ihn sofort in ein Koma versetzt. Das Krankenhaus kommt für die Gruppe nicht in Frage, und niemand mit Port traut sich, eine Verbindung mit Milo einzugehen, um sein „System“ wieder hochzufahren.

Mona ist diejenige, die das Risiko tragen muss. Sie lässt sich den Port in die Schädelbasis schießen und taucht in den digitalen Limbus ihres eigenen Bewusstseins ein. Sie selbst kleidet den schwarzen, tonlosen Raum mit einigen Vintage-Möbeln aus, gibt ihrem Kolibri das Äußere ihrer verstorbenen Großmutter und lernt die Regeln des digitalen Selbsts: Öffne nie die Türen! Zwei gibt es in der Digitalsphäre des Ichs. Die erste führt hinab ins Unterbewusstsein, fördert Kräfte und Gefühle zutage, die nicht kontrollierbar sind. Die andere führt hinaus ins World Wide Web, könnte also den Rest der Welt in den eigenen Kopf hineinlassen.

Das Gebot, beide Türen verschlossen zu halten, ist emblematisch für das Spielfilmdebüt von Joscha Douma, das die Tiefe des eigenen Sujets allzu sehr scheut. Eine wirkliche Außenwelt will „Cyberpunk Romance“ ebenso wenig zulassen wie die Idee einer Gesellschaft, die ihre Körper teildigitalisiert. Der großunternehmerische Overlord ist auch nur ein Papiertiger, der an jeder Stelle groß gemacht wird, ohne je in Erscheinung zu treten. Die dazugehörige Zukunft existiert nur in langen Monologen, die ihre technischen Neuerungen erklären oder als Zeitungsmeldungen, die ihre Bedrohlichkeit unterstreichen sollen.

Best-of-Sammlung vergangener romantischer Momente

Die Liebesgeschichte in Zeiten des teil-digitalisierten Bewusstseins ist nicht viel eleganter vorgetragen. Vieles davon findet Mona im Kopf ihres Geliebten als Best-of-Sammlung vergangener romantischer Momente vor. Was nicht im „Mona forever“-Ordner abgelegt ist, führt dann schließlich zum Bruch. Denn Milos Liebe ist auf andere Art und Weise grenzenlos, als Mona es sich ausgemalt hat: Sie ist synthetisch. Er hat sich selbst via Kolibri verboten, etwas anderes als Liebe für sie zu empfinden.

Die dazugehörigen Fragen sind faszinierend: Was ist der Unterschied zwischen biologisch angestoßenem und synthetisch initiiertem Reiz? Wie funktionieren Beziehungen, wenn biologische und programmierte Liebe das gleiche unkontrollierbare Gefühl sind? Weit gedacht werden sie nicht. Zu schnell kanalisiert der Film alles in die Stasis, die zwischen dem Liebes- und Technologie-Optimismus des Paars liegt. Milo ist treudoof genug, keine Alternative zu sehen, Mona und die anarcho-technische Welt um sie herum sind zu sehr dem zeitgenössischen Status quo der Maschinenethik verschrieben, um Zweifel daran zu haben, dass die Liebe wohl doch bei der Biologie bleiben sollte. „Cyberpunk Romance“ schlägt zu schnell Türen zu, um der eigenen Zukunft eine Chance zu gewähren, landet zu schnell bei Schlussfolgerungen wie „Diese Technologie verbindet uns nicht, sie trennt uns“, um die selbst gestellten Fragen wirklich durchdringen zu können.

Wie das wöchentliche Meeting einer Studenten-WG

Das Ergebnis ist weniger eine tatsächliche Vision der Zukunft als ein Film, der seine eigene Thesenhaftigkeit nicht abschütteln kann. Zu wenig Leben ist greifbar zwischen Pärchen-Clips, der einsamen Doomscrolling-Session im abgedunkelten Schlafzimmer und dem Gesprächskreis, der allzu oft wirkt wie das wöchentliche Meeting einer Studenten-WG in Zeiten einer recht einfallslosen Dystopie.

Veröffentlicht auf filmdienst.deCyberpunk RomanceVon: Karsten Munt (29.5.2026)
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