Donkey Days

108 minDramaFSK 16
Szenebild von Donkey Days 1
Szenebild von Donkey Days 2
Szenebild von Donkey Days 3
Anna und Charlotte leben in konstantem Wettbewerb miteinander. So jedenfalls will es Mutter Ines, die mal die eine bevorzugt, und es die andere spüren lässt. Trotzdem kehren die ungleichen Schwestern – die eine queer und unangepasst, die andere eine vermeintlich toughe Erfolgsfrau – in das Haus ihrer Kindheit in Norddeutschland zurück. Alte Wunden brechen auf und gut gehütete Geheimnisse kommen ans Licht: Wessen Asche versteckt ihre Mutter? Was verbindet sie mit einer ungarischen Eselfarm? Auf der Suche nach Antworten finden die ungleichen Schwestern neues Vertrauen zueinander.

Humor ist relativ. Dafür ist „Donkey Days“ von Rosanne Pel ein gutes Beispiel. Der Filmverleih Salzgeber nennt den Film eine „schwarze Komödie“ und greift damit auf, was die niederländische Regisseurin und Drehbuchautorin im Interview behauptet: ihr Film über die toxische Dreiecksbeziehung zwischen einer Mutter und ihren beiden erwachsenen Töchtern habe sich von „einer Geschichte über ein Kontrollsystem, in dem Frauen sich gegenseitig gefangen halten“ zu einer schwarzen Komödie entwickelt.

Eine Collage aus Boshaftigkeiten

Womöglich lässt sich der dysfunktionalen Art, mit der die fast 85-jährige Übermutter Ines und die beiden Schwestern Anna und Charlotte in „Donkey Days“ wie zwanghaft aneinander vorbeireden, sich missverstehen und mit beiläufig eingestreuten Sticheleien zutiefst verletzen, durchaus etwas Komisches abgewinnen. Andererseits ist es möglich, während der gesamten 108 Minuten nicht ein einziges Mal zu schmunzeln, auch nicht innerlich. Das spricht allerdings nicht gegen den Film. Der ist nur eben keine „schwarze Komödie der kleinen Fiesheiten“ mit „raffiniertem Humor“ und bestimmt auch kein „betörend absurder Familienfilm voller Empathie für seine Figuren“, wie die Pressenotizen behaupten. Vielmehr ist er eine Collage aus Boshaftigkeiten dreier innerlich zerrissener Frauen, die einander auf derart klaustrophobische Weise lieben, dass sie sich und der Welt fast nur mit zynischem Hass begegnen können. Daraus entsteht ein Panoptikum unsympathischer Haupt- und Nebenfiguren, dessen düster albtraumhaftes Zentrum eine kleinfamiliäre Hölle bildet. Das mitansehen zu müssen, ist schwer zu ertragen, kann sich aber trotzdem lohnen.

„Donkey Days“ ist ein filmkünstlerisch mutiges, herausragendes Werk und – hier findet sich dann doch eine Schnittmenge mit dem Pressetext – „grandios gespielt von den Hauptdarstellerinnen Jil Krammer, Susanne Wolff und Hildegard Schmahl“. Am wenigsten betont „gespielt“ und gerade deshalb am grandiosesten ist Jil Krammer als Anna in ihrer ersten Kinorolle. Geraten bei Wolff und Schmahl die superb erlernten Darstellungstechniken bisweilen noch zwischen Schauspielerin und Rolle, wirkt Krammers Darbietung nahezu ungefiltert.

Der Schmerz ist allgegenwärtig

Der Film beginnt mit einem gemeinsamen Restaurantbesuch, bei dem Anna ihrer Mutter Ines und ihrer Schwester Charlotte ihre neue Lebensgefährtin Noe (Amke Wegner) vorstellt. Es ist, als platze die dokumentarisch verwackelte Handkamera von Aafke Beernink unvermittelt in das Geschehen hinein. Die elliptische Montage von Xander Nijsten zerreißt den Gesprächsfaden, der sich nur mühselig wieder rekonstruieren lässt. Und die Bild-Ton-Schere zwischen den scheinbar aus dem Leben gegriffenen Kameraaufnahmen und Ella van der Woudes dissonant trommelnden Soundfetzen zerschneidet die vermeintliche Authentizität in grobe Stücke. Ein surreales, dissoziatives Unbehagen nistet sich ein, das sich bis zum Schluss nicht mehr abschütteln lässt. Die Handlung entfaltet sich fast immer indirekt, muss aus den vom Schnitt zerhackten Konversationen nachträglich erschlossen werden. Bloß der Schmerz, den beides – das Erlebte und das Reden darüber – bei den Frauen hinterlässt, ist allgegenwärtig. Jedes nette Wort wird der anderen wie ein vergifteter Nachtisch serviert.

Aber nicht nur sinnbildlich dreht sich in „Donkey Days“ vieles ums Essen. Anna wird vor allem von ihrer Mutter, später aber auch von ihrer Schwester damit konfrontiert, dass sie nicht so schlank ist wie Charlotte und dass sie sich und ihr Essverhalten angeblich nicht im Griff hat. Bei einem gemeinsamen Frankreichurlaub in einem abgelegenen Ferienhaus wird sie von den beiden anderen ungefragt auf Diät gesetzt. Jeder Versuch einer Aussprache mündet hinterher im nächsten Streit und in weiteren Verletzungen, rührt an verborgenen, verdrängten Traumata.

Die Töchter kommen nicht von der Mutter los

Die Mutter wohnt allein in einem riesigen, abgelegenen Landhaus irgendwo in Schleswig-Holstein, aber ihre Töchter kommen nicht von ihr los. Ines spielt sie gegeneinander aus; mit kleinen triggernden Bemerkungen, bis Anna davonläuft oder Charlotte rumkreischt. „Jetzt haut sie wieder ab“, „Jetzt flippt sie wieder aus“, kommentiert Ines das dann hämisch gegenüber der jeweils anderen Tochter. Das steigert sich bis ins Pathologische hinein. Ähnlich wie in Pels Erstling „Leicht wie Federn“ wirkt die Mutter übergriffig. Der sexuelle Missbrauch bleibt zwar als bloße Möglichkeit im Ungewissen, der seelische aber hat unverkennbar Wunden hinterlassen.

Der erbitterte familiäre Kleinkrieg wird mitunter so skurril in Szene gesetzt, wie er sich für Außenstehende anfühlen mag. Da zwinkert einem auch mal ein Ölgemälde zu, zum Verzweifeln absurd. Lustig fühlt es sich nicht an. Die einzigen Momente menschlicher Nähe und Zuneigung finden sich für Anna in ein paar unvermittelt hineinmontierten oberflächlichen Sexszenen, die so deplatziert wirken, dass das am Ende vielleicht ja beabsichtig ist.

Veröffentlicht auf filmdienst.deDonkey DaysVon: Stefan Volk (18.8.2026)
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