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Im Spiegel meiner Mutter

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Die erfolgreiche Archäologin und Universitätsprofessorin Ursula Scheuner (Corinna Harfouch) macht bei Ausgrabungen im Moor einen sensationellen Leichenfund, der ihr finanziell angeschlagenes Institut retten könnte. Gleichzeitig muss sie den kürzlichen Tod ihrer Mutter (Hildegard Schmahl) verarbeiten. Beim Aufräumen des Elternhauses beginnen für Ursula die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu verschwimmen. Gefangen in einem Labyrinth aus Verlust und Trauer muss Ursula schnell einen Weg hinausfinden. Doch als ihre neue Assistentin Mel (Carla Juri) andeutet, sehr viel mehr über Ursulas Lebensgeschichte zu wissen, droht ein lange verborgenes Familiengeheimnis an die Oberfläche zu gelangen.
IM SPIEGEL MEINER MUTTER, glänzend besetzt mit den Schauspielerinnen Corinna Harfouch, Carla Juri und Hildegard Schmahl, ist der erste Kinofilm der renommierten Autorin, Regisseurin und Produzentin Jutta Brückner nach fast 20 Jahren. Beim Filmfest München wird der Film in der Reihe Neues Deutsches Kino am 29. Juni 2026 Weltpremiere feiern wird, bevor er am 13. August bundesweit ins Kino startet.

Ein Kennenlernen unter Archäologinnen: Die eine stellt der anderen ein gelblich-graues Präparat auf den Schreibtisch und fragt, ob sie wisse, was das sei. Natürlich weiß die andere das - ein abgestorbener Fötus, in einer Kalkschicht abgekapselt, ein sogenanntes Steinkind. Gegenfrage der Professorin: Ob die Unbekannte wisse, wie man eine Moorleiche reinige?

Menschliche Gebilde aus der Vergangenheit zu erforschen ist Ursula Scheuners Beruf. Corinna Harfouch, wer sonst, spielt mit verpanzerter Fragilität die Professorin, um die herum gerade einiges in Bewegung geraten ist: Ihre Mutter (Hildegard Schmahl) ist kürzlich im Pflegeheim gestorben, und ihr Institut ist eine Baustelle. Im Lärm lässt sich kaum lehren geschweige denn den Frauenhassern unter den Studenten etwas von der Venus von Willendorf erzählen. Zum Glück taucht da plötzlich die junge Mel (Carla Juri) in ihrem Büro auf. Diese stellt sich selbstbewusst als Ursulas neue Assistentin vor.

Ein zeitloses anthropologisches Andachtsbild

Ursula schenkt der Unbekannten schnell Vertrauen. Bei Ausgrabungen im Moor, aber das darf niemand außer Mel wissen, hat die Archäologin eine mumifizierte Frau gefunden, die sie im Geheimen weiter untersuchen will. Der Leiche fehlt ein Arm. Wie sich herausstellen wird, hatte sie ihn um ihr neugeborenes Kind gelegt. Akribisch, fast liebevoll wird Ursula das Bild vervollständigen: Mutter mit Kind, ein zeitloses anthropologisches Andachtsbild.

Vor dieser naturwissenschaftlichen Folie verhandelt die 85-jährige Regisseurin Jutta Brückner in ihrem ersten Film seit „Hitlerkantate“ (2006) eine mehrschichtige psychologische Erzählung über konservierten Schmerz, abgekapselte Wünsche und unverarbeitete Konflikte. „Im Spiegel meiner Mutter“ erzählt von einer akuten Krise, die ein ganzes Leben lang Anlauf nahm und im höheren Lebensalter eskaliert, ausgelöst durch den Tod von Ursulas dementer Mutter. Die Frage, woran genau diese gestorben ist, wird Teil eines fast kriminalistischen Nebenstrangs, der auf Ursula selbst einen verdächtigen Schatten wirft.

Wohin richtet eine Tochter ihre stummen Anklagen, wenn die eigene Mutter sie „meinen einzigen Besitz“ nennt, aber sich nicht einmal mehr selbst im Spiegel erkennt? Mel wiederum, die offenbar obdachlose Nachwuchswissenschaftlerin aus dem „akademischen Proletariat“, wie sie sagt, weiß Dinge über ihre Chefin, die sie eigentlich nicht wissen dürfte. Sie ist, genau wie die alte Mutter, immer nur in Szenen allein mit Ursula zu sehen, nie mit Dritten. Existiert sie überhaupt, oder ist sie ein Konstrukt? Ein „Engel zweiter Klasse“ sei sie, scherzt Mel einmal, sie müsse sich ihre Flügel noch verdienen.

Ein ungeklärtes Mutter-Tochter-Verhältnis entfaltet seine Macht

Altersweise geläutert ist in diesem Hybrid aus Psychodrama, Wissenschaftskrimi und Mystery nichts. „Im Spiegel meiner Mutter“ zeigt im Gegenteil, wie hartnäckig und immer wieder neu ein ungeklärtes Mutter-Tochter-Verhältnis seine Macht entfalten kann. Dass ein Horrortrip bevorstehen könnte, macht Brückner schon in der ersten Sequenz deutlich: Über geisterhaftem Sumpf schwebt die Kamera, Gerippe abgestorbener Bäume recken sich in die Höhe, ein mysteriöser roter Schlauch windet sich darin. Auf der Tonspur verbiegt sich derweil eine Variation von „La Paloma“ zu schauderhaften Disharmonien.

Bis der Wecker dem Albtraum ein Ende bereitet mit dem von Corinna Harfouch fröhlich sarkastisch gesprochenen Satz: „Wach auf, du Schlafmütze, das Leben wartet auf dich mit all seinen Scheußlichkeiten!“ Die Kamera von Daniela Knapp fährt dabei über Harfouchs sich reckende Gliedmaßen, ohne dass man die Körperteile zuordnen könnte: Was ist Ferse, was Ellenbogen, was gehört wo hin? Ist Ursula wirklich noch ganz sie selbst?

Brückner prägte einst mit Regisseurinnen wie Margarethe von Trotta oder Helma Sanders-Brahms den Neuen Deutschen Film. Ihr neues Werk ist nach „Tue recht und scheue niemand - Das Leben der Gerda Siepebrink“ (1975) und „Hungerjahre“ (1980) der letzte Teil ihrer Trilogie über die Komplexität von Mutter-Tochter-Beziehungen. Dieses Thema anzugehen, Psychologinnen betonen das in letzter Zeit oft, birgt nicht nur persönliches Befreiungspotenzial, sondern auch gesellschaftliches: Denn nur Mütter (die selbst mal Töchter waren) und Töchter (die selbst eventuell Mütter von Töchtern werden) können die Kette sich wiederholender, krank machender Muster durchbrechen.

Nicht tot, nicht einmal vergangen

Dass das Verhältnis zwischen Ursula und ihrer Mutter kein einfaches war, zeigen Szenen des abgrundtiefen Aneinandervorbeiredens, alter Kontroll-Ermahnungen („aber nur ein Stück Kuchen, hörst du?“) und erstickter Vorwürfe seelischer Grausamkeit: „Du hast mich nicht geschlagen. Aber wenn ich nicht dein braves kleines Mädchen war, hast du zwei Wochen nicht mit mir gesprochen.“ Brückner verwischt dabei bewusst die Grenze zwischen Rückblende und Halluzination. Oder, wie die Professorin ihren Studierenden mit William Faulkner sagt: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“

Ein Steinkind ist Ursula noch nicht, verkapselt in einer harten Schale pulsiert da immer noch das kleine, liebesbedürftige Wesen. Assistentin Mel gibt ihr diese Zuwendung, als Fantasie einer freien, wohlwollenden Tochter, die Ursula nie hatte und die sie selbst nie sein konnte. Hildegard Schmahl als Ursulas Mutter wiederum changiert in ihrem virtuosen Spiel zwischen gütiger Anmut, plötzlicher Eiseskälte und herzergreifender Hilfsbedürftigkeit, ein Gefühls-Schleudergang, in dem pflegende Angehörige bekanntlich aufgerieben werden können.

Reichlich symbolisch aufgeladen geht es also zu in diesem dicht gewebten Psychogramm, in dem immer irgendwo eine Plane oder ein Laken etwas verhüllt oder freigibt, sich eine lange verlassene Kinderschaukel trist im Wind bewegt oder archaische und reale Mutterfiguren ins Bild kommen. Dass der Film dennoch nicht in wohlfeilen Seelenbilderkitsch abrutscht, verdankt er außer der herausragenden Kammerspiel-Kunst der Protagonistinnen auch den scharf gezeichneten Nebenrollen (etwa die von Samuel Finzi und Rosa Enskat gespielten), dem Mut zur assoziativen Schroffheit in der Montage (von Mona Bräuer und Andreas Wodraschke) sowie den ausgesuchten Schrägheiten in der Musik von Maciej Siedziecki. So viel filmgestalterische Lust tröstet dann auch über ein paar zu explizite Ausformulierungen der Seelenlagen hinweg.

Veröffentlicht auf filmdienst.deIm Spiegel meiner MutterVon: Cosima Lutz (3.8.2026)
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