Filmplakat von New Order - Die neue Weltordnung

New Order - Die neue Weltordnung

88 min | Drama, Thriller | FSK 16
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Eine verschwenderische Hochzeit der Oberschicht gerät während eines unerwarteten Aufstands des Klassenkampfes aus den Fugen, der in einen gewaltsamen Staatsstreich mündet. Aus der Sicht der sympathischen jungen Braut und der Diener, die für und gegen ihre reiche Familie arbeiten, zeichnet der Film den Zusammenbruch eines politischen Systems nach, während in seinem Gefolge ein noch erschreckenderer Ersatz entsteht.

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Filmkritik

In stilisierten apokalyptischen Momentaufnahmen sieht man, wie sich in Mexiko City eine Revolution der Armen in Chaos und Zerstörung entlädt. Während sich die Leichen stapeln, feiern in der Vorstadt Teile der besseren Gesellschaft eine opulente Hochzeit. Die schönen Kleider, das unbekümmerte Lachen und der geschmeidige Small Talk wirken wie aus einem anderen Universum. Als jedoch die von den Aufständischen verwendete grüne Farbe aus dem Wasserhahn läuft, kündigt sich an, dass die Wirklichkeit bald mit voller Wucht in diese heile Welt hereinbrechen wird.

In der düsteren Zukunftsvision „New Order – Die neue Weltordnung“ etabliert der mexikanische Regisseur Michel Franco eingangs ein grausames System der Ungleichheit. Während der Hochzeitsfeier klingelt der frühere Angestellte Rolando (Eligio Meléndez) an der Tür und fragt nach einer hohen Summe Geld, um seine kranke Frau behandeln zu lassen. Der verzweifelte ältere Mann wird vertröstet und verhöhnt, bis sich schließlich die von Gewissensbissen geplagte Braut Marianne (Naian González Norvind) seiner annimmt. Während sie sich in Rolandos Slum fahren lässt, stürmen einige Aufständische die Feier, exekutieren Gäste und stopfen sich gemeinsam mit den Angestellten Wertsachen in die Taschen. Wie häufig bei Michel Franco filmt die Kamera das teilnahmslos und mit klinischer Präzision.

Es kommt immer noch schlimmer

Auch wenn sich die Revolution aus einem nachvollziehbaren Unrecht entwickelt, erweist sie sich schnell als ziemlich barbarische und sinnlose Angelegenheit. Der Aufstand wird niedergeschlagen und von einem grausamen Militärregime abgelöst, das die Armen niedermetzelt und die Reichen in Arbeitslager sperrt, wo sie solange gefoltert und vergewaltigt werden, bis ihre Angehörigen ein horrendes Lösegeld zahlen. Die titelgebende neue Ordnung erweist sich nicht als bessere Zukunft, sondern lediglich als Einsicht, dass es immer noch schlimmer kommen kann.

„New Order“ wirkt kalt und kontrolliert, weil der Film sich nur wenig für die Protagonisten interessiert und alles von einer äußeren, etwas umständlich konstruierten Handlung leiten lässt. Während Marianne sich in den Fängen des Militärs befindet, versucht ihr Mann Daniel (Diego Boneta) sie über die ehemaligen Hausangestellten Cristian (Fernando Cuautle) und Marta (Mónica Del Carmen) freizukaufen. Zunächst scheint die Inszenierung sich dabei auf den Anfang des Films zu beziehen und es auf eine ausgleichende Gerechtigkeit anzulegen. Wenn Daniel der Willkür des Militärs hilflos ausgeliefert ist und immer noch höhere Summen bezahlen soll, erinnert er an den sich ebenso verzweifelt um seine Frau sorgende Rolando.

Allerdings wird daraus nie eine wirkliche Gegenüberstellung, wie Franco auch sonst alles vermeidet, was zu eindeutig wäre oder einer Botschaft entspräche. An Ursachen, Konsequenzen oder einem analytischen Blick ist „New Order“ wenig interessiert. Die mit formaler Strenge vorgeführte Gewalt ruft in ihrer Drastik vielmehr ein Gefühl der Hilflosigkeit und Überforderung hervor.

Wie Figuren auf einem Spielbrett

Auch die Figuren wirken ihrer Handlungsmacht beraubt. Unter dem neuen Regime brauchen Cristian und Marta plötzlich eine Arbeitserlaubnis und werden von einer Computerstimme wie Gefangene zu ihrem Arbeitgeber geschleust. Es ist ein langer und entwürdigender Vorgang, der sich letztlich nicht so sehr davon unterscheidet, wie Franco seine Protagonisten behandelt. Für ihn sind sie weniger psychologisch zu greifende Charaktere als Figuren auf einem Spielbrett.

Obwohl die Ereignisse zunehmend eskalieren, scheint sich die Erzählung in keine konkrete Richtung zu bewegen. Ständig werden Konflikte etabliert, nur um sie kurz darauf im Sand verlaufen zu lassen. Nicht selten geschieht das, weil jemand überraschend niedergeschossen wird. „New Order“ triggert die Erwartungshaltung des Publikums, um sie gleich darauf wieder zu enttäuschen. In einem bezeichnenden Moment wird eine Geisel aus dem Gefängnis freigelassen, während sich die Mitgefangenen sichtlich für ihren Leidensgenossen freuen. Als dann plötzlich ein Schuss zu hören ist, kehrt der Schrecken auf ihre Gesichter zurück.

Als zynisches Gedankenspiel und Geisterbahnfahrt, bei der man sich vor einem verderbten System gruseln kann, entfaltet „New Order“ durchaus eine gewisse Wirkung. Dramaturgisch und politisch fällt der Film jedoch etwas zu schlicht aus.

Erschienen auf filmdienst.deNew Order - Die neue WeltordnungVon: Michael Kienzl (25.1.2022)
Vorsicht Spoiler-Alarm!Diese Filmkritik könnte Hinweise auf wichtige Handlungselemente enthalten.
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